regenauer.blog
Momentaufnahmen

Nach gut 12.000 Kilometern und über 40 Veranstaltungen allein in diesem Jahr, folgend ein paar Notizen zum Ende der letzten Vortragsreise – bevor es in den nächsten Wochen mit neuen Projekten und Hintergrundrecherchen weitergeht.
Tom-Oliver Regenauer | 06.10.2026
Auf dem Sterbebett liegend, tattrig, vergesslich und eines langen, kräftezehrenden Lebens überdrüssig, schwach, kränklich, vielleicht paralysiert oder von Sinnen, in jedem Falle aber »zum zweiten Mal Kind«, wie Hermann Hesse das hohe Alter gerne beschrieb, bleiben einem nichts als Momente. Erinnerungen. Die damit verbundenen Bildfetzen und Emotionen. Die Szenen, die sich mit einer gewissen Wucht ins Langzeitgedächtnis brannten. Sonst nichts. Gar nichts. Denn das letzte Hemd hat bekanntlich keine Taschen.
Aus diesem Grund schaue ich selten zurück. Warum auch? Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern. Nur auswerten. Das Leben aber liegt immer vor einem. Egal, wie alt man ist. Es will gestaltet, nicht bedauert und abgewartet werden. Schon aus diesem Grund sind Passivität und Lethargie Gift für ein erfülltes Dasein. Denn der Sinn des Lebens ist, dem Leben einen Sinn zu geben. Und das kann außer der eigenen Person niemand. Kreativität, Schaffensdrang, Prinzipien und Mut sind es, die unsere relativ kurze Präsenz auf Planet Erde und vor allem deren Nachhall ausmachen. Zumindest, wenn man seinen natürlichen Impulsen möglichst kompromisslos folgt.
Das habe ich mein Leben lang getan – und das ist gut so. Obschon es zu Konfrontationen und Herausforderungen führte, auf die ich im jeweiligen Moment gut hätte verzichten können. Im Ergebnis waren aber auch diese Situationen eine Bereicherung. Sie waren lehrreich, haben den Menschen geformt, der ich heute bin. Jemanden, mit dem ich im Reinen sein kann. Einen, der das sagt, was er denkt und tut, was er sagt. Diese Prinzipientreue sorgt nicht unbedingt für Beifall, aber für Authentizität. Und ich halte es diesbezüglich gerne mit den Le-Cercle-Mitgründer Konrad Adenauer zugeschriebenen Worten:
»Die einen kennen mich, die anderen können mich«.
Aufgrund der Tatsache, dass mich aufgrund meiner publizistischen Tätigkeit mittlerweile ein paar mehr Menschen »kennen«, war es mir unlängst vergönnt, zum vierten Mal binnen drei Jahren auf Vortragsreise zu gehen, um die Ergebnisse meiner Recherchen vielen tausend Menschen persönlich zu präsentieren. Ein guter Moment also, um zum Abschluss dieser anstrengenden wie motivierenden Reise, die von unzähligen wunderbaren Begegnungen bereichert wurde, auf zwei unvergessliche Momente der letzten Wochen zurückzublicken. Auf einen, der mich nachhaltig schockierte – und auf einen, der mich mit einer schwer fassbaren Dankbarkeit erfüllte.
Fangen wir mit den »schlechten Nachrichten« an: Es war Mitte September und kein gewöhnlicher Tour-Tag, an dem man erst (zu) spät ins Bett kam und dann (zu) früh aufstand, um noch etwas vom Frühstück zu bekommen, bevor man sich auf den Weg zum nächsten Gastspiel macht. Im Gegenteil. Es war ein entspannter Vormittag, weil ich einigermaßen lange schlafen konnte und die Fahrt zum nächsten Hotel nur knapp zwei Stunden in Anspruch nehmen sollte. Die Sonne schien und Frühstück gab es bis 11:00 Uhr. Perfekt, um in Ruhe auf der sich leerenden Hotelterrasse zu sitzen und Kaffee zu trinken. Die Geschäftsreisenden hatten Termine. Die Touristen und Senioren steuerten ihre Ausflugsziele an. Und ich genoss die morgendliche Ruhe.
Ein jäher Stimmungswandel sollte sich einstellen, als ich mich nach einem späten Check-out ans Steuer setzte und der Ausfallstraße in Richtung Autobahn folgte. Es war kurz vor 12:00 Uhr. Nach knapp zwei Kilometern erreichte ich eine Stadt. Nicht klein, nicht wirklich groß. Der Verkehr auf der Hauptstraße kroch dank Ampel-Dschungel, Baustellen und Lieferverkehr im Schritttempo dahin. So zog meine Fahrzeugkolonne irgendwann an einer Bushaltestelle vorbei, hinter der ein kleiner Platz von hufeisenförmig angeordneten Gebäuden umschlossen wurde. Irgendwo in der Nähe musste eine Schule sein – oder mehrere. Denn sowohl die linker Hand befindliche Bushaltestelle als auch der Platz mit seinen Bänken, Stufen und Mäuerchen war voll von Kindern im Alter von circa zehn bis sechzehn Jahren. Es mussten zwei- oder dreihundert sein.
Natürlich schaltete auch die nächste Ampel auf Rot als ich sie erreichte. Mein Blick wanderte über den Platz. Zu sehen war aber nichts. Denn kein einziges Kind tat etwas. Keines. Sie alle standen oder saßen teilnahmslos da und glotzten auf ihr Smartphone. Ein Stillleben des Untergangs. Abstoßend. Keine Gespräche, kein Lachen, Fangspiel, Skateboard oder Fußball, kein Kindergeschrei und keine Rangelei. Nichts. Wie eingefroren. Als wären sie alle längst gestorben – oder hätten nie gelebt. Ich war regelrecht schockiert. Nicht, weil mir die Auswirkungen der Degenerationsinstrumente nicht bewusst wären, sondern, weil man sie selten so deutlich vor Augen geführt bekommt. So geballt. So deprimierend. Der dystopische Anblick lähmte mich, sodass ich fast die erlösende Grünphase verbummelt hätte.
Das war einer der wirklich seltenen Momente, in dem ich dem Gedanken nachhing, dass meine Arbeit eigentlich keinen Sinn mehr macht. Dass wir längst verloren haben. Nicht wir als Journalisten, Autoren, Prinzipientreue, Aufrichtige, Aktivisten oder Gesellschaft – wir als Spezies. Der Mensch. Denn wir sind längst mit der Maschine verschmolzen. Wir sind die »Borg«. Und der Algorithmus ist unser Puls.
Zum Glück gibt es aber auch »gute Nachrichten«. Denn auf der zwischenzeitlich erreichten Autobahn konnte ich nachdenken. Die Szene im Gesamtkontext einordnen. Dabei erinnerte ich mich an die verschiedenen positiven Entwicklungen, die der schmerzlichen Begegnung mit unserem digital sedierten Nachwuchs gegenüberstehen: Der Trend zum Dumbphone, Schwedens Entscheidung, die Digitalisierung in den Schulen zurückzufahren, das zunehmende Interesse von Jugendlichen an politischen Themen, die jüngsten Schulstreiks gegen die Wehrpflicht oder die massiven Proteste amerikanischer Studenten gegen Israels menschenverachtendes Vorgehen im Gaza-Streifen, um nur einige zu nennen.
Nein, wir haben nicht verloren. Es ist nicht zu spät. Und jeder von uns hat die Chance, im Rahmen seiner Möglichkeiten daran zu arbeiten, dass es das nie sein wird. Deswegen möchte ich an dieser Stelle an eine Formulierung erinnern, die ich zum Ausklang meiner Vorträge häufig verwende:
»Information ist nur dort relevant, wo sie zu Taten führt. Wenn all die Information nicht dazu führt, dass sie konstruktiv und zu unseren Zwecken genutzt wird, hätte man auch weiter ARD und ZDF schauen können.«
Das führt mich zum zweiten Moment. Jenem, der mich mit einer schwer fassbaren Dankbarkeit erfüllte. Diese Dankbarkeit empfinde ich jedes Mal, wenn ich im Menü des Hosting-Anbieters die kontinuierlich steigenden Zugriffszahlen meiner Webseite sehe, wenn ich Leserbriefe, Karten, Mails und Unterstützung von Menschen bekomme, für die meine Arbeit eine echte Bereicherung darstellt. Jedes Mal, wenn ich des Abends auf einer Bühne stehen und in einen vollen Saal schauen darf.
Welch größeres Privileg kann es auch geben, als mit dem, was man gerne und ohnehin in seiner Freizeit tut, Menschen zu erreichen – gar zu bewegen – als das Hobby zum Beruf machen zu können? Für mich keines. Wer seine Zeit in Passion investiert, hat die Chance, hin und wieder glücklich zu sein. Denn Zeit ist die wertvollste Ressource. Die wertvollste Währung. Und echter Reichtum misst sich nun mal in Momenten, die einem am Ende des Lebens das Loslassen erleichtern.
Dementsprechend berührt war ich, als mich ein junger Mann, der erst vor ein oder zwei Jahren das Abitur gemacht hat, nach einer der letzten Veranstaltungen auf dem Parkplatz ansprach, um mir mitzuteilen, dass die Lektüre eines meiner Textes sein »Leben verändert hat«. Gefolgt von einem kurzen, aber ehrlichen »vielen Dank«. Dann reichte er mir stumm die bedächtig ausgestreckte Hand, schaute mir mit fokussiertem aber entspanntem Blick in die Augen und hielt einen Moment inne. Als auch dieses nonverbale »Danke« angekommen war, ließ er meine Hand los, drehte er sich um und verschwand geraden Schrittes hinter dem scharf geschnittenen Lichtkegel moderner Straßenbeleuchtung im Dunkel der Häuserzeilen.
In meinen Augen ist dieser Satz das schönste Kompliment, das man einem Künstler, Autor oder Journalisten machen kann. Wortwörtlich und so direkt hat mir das zuvor nur einziges Mal jemand gesagt – vor fast 20 Jahren – als mich bei einem Konzert ein schätzungsweise 15-jähriges Mädchen ansprach, das unseren Song »Weltkrieg V3.0« gehört und danach offenbar mit eigenen Recherchen begonnen hatte. Auch sie sagte mir, dass meine Arbeit, dass dieses eine, von mir produzierte Lied, ihr »Leben verändert hat«.
Ob das der Wahrheit entspricht oder langfristig zu positiven Entwicklungen führt, kann ich in beiden Fällen nicht beurteilen. Ich weiss nicht, was aus diesem Mädchen wurde, das heute Anfang bis Mitte dreißig sein dürfte. Aber ich weiss, dass mich seit diesem einen Moment vor knapp zwei Jahrzehnten das tiefsitzende Gefühl begleitet, dass meine Recherchen Sinn machen. Deswegen habe ich nie damit aufgehört. Weil ich überzeugt bin, dass man Impulsen und nicht Wegweisern folgen muss. Dass Neugier Lebenselixier und Wissen eine Kraft ist. Dass Prinzipien und Wahrheit Fixsterne sind und an jene Stellen im Leben führen, die man als Ziel bezeichnen kann. An einen Ort, der solch erhebende zwischenmenschliche Momente möglich macht – selbst wenn man von dort aus nur einen einzigen Menschen erreicht.
Es ist also eher an mir, »vielen Dank« zu sagen. Dem jungen Mann vom Parkplatz und dem Mädchen auf dem Konzert, all meinen Lesern, den vielen Unterstützern und jedem, der in den vergangenen drei Jahren einen meiner Vorträge besucht hat. Wo auch immer all diese Menschen gerade sind – sie haben mein Leben verändert. Und mehr konnte ich davon nie erwarten.
Vielen Dank!
Tom-Oliver Regenauer
Titelbild: Eduardo Relero
Foto: RA Hingerl (Loisachhalle, Wolfratshausen, 10.09.2026)





