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Kultur als Waffe

Die »wilden 60er« veränderten die Welt, schufen Strukturen, die den Alltag der Gegenwart bestimmen. Fragt sich, warum, wie und zu wessen Gunsten das geschah. Denn so eine kulturelle Revolution kommt nicht von ungefähr – und dient nicht selten jenen, die sie zu bekämpfen sucht.

 

Ein Text über das Tavistock Institut, Social Engineering in industriellem Ausmaß und Revolution aus der Retorte. Von Aufbruch, echtem Widerstand und freier Liebe zu Konformismus, Exhibitionsneurose und Isolationswirtschaft – von der Person zur Persona. 




Tom-Oliver Regenauer | 16.07.2026


Das verzwickte an dieser Analyse ist, dass viel von dem, was die Hippie-Bewegung erreichen wollte, im Kern gutzuheißen ist. Denn sie hatte Recht. Ob Frieden, Gleichstellung der Geschlechter, antiautoritäre Erziehung, Tier- und Naturschutz, Aufarbeitung des NS-Regimes, sexuelle Befreiung, Antiimperialismus oder kulturelle Vielfalt – die 68er haben Konventionen in Frage gestellt, wo es angebracht war, haben aufbegehrt, wo aufzubegehren ist. Ihr Slogan »Make love, not war« hat nichts an Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil. Die Hippies nahmen Einfluss auf Politik und Wirtschaftsstrukturen, auf Medien, Mode, Film und Musik. Sie hielten der von Konventionen gegeißelten Konsum- und Wegwerfgesellschaft ihrer Zeit den Spiegel vor. Das Denken und Wirken der »68er« hat den Grundstein für vieles gelegt, was die heutige Welt ausmacht. Und vieles davon ist fraglos gut.


Die Hippies beförderten aber auch die Auflösung tradierter Strukturen. Familienverbund, Arbeitswelt und Sozialgefüge veränderten sich. Die Blumenkinder öffneten fragwürdigen Esoterik-Bewegungen Tür und Tor und manövrierten mit der Verherrlichung von zügellosem Drogenkonsum viele ihrer Mitglieder in eine apathisch-entrückte Bredouille. In eine unproduktive, nicht selten destruktive Selbstfixierung. Und genau diese negativen Langzeiteffekte kommen nicht von ungefähr. Denn – wie so oft – wurde auch die wohlmeinende Gegenkultur der Hippies von Kräften usurpiert und instrumentalisiert, die vor allem von den negativen Langzeitfolgen einer »kulturellen Revolution« profitieren.


Was ist Tavistock?


So beginnt die vorliegende Analyse nicht grundlos in London. Denn eine tragende Rolle bei der Steuerung der Hippie-Bewegung soll gemäß Autoren wie Daniel Estulin oder John Coleman das dort ansässige, am 20. September 1947 gegründete »Tavistock Institut für menschliche Beziehungen« eingenommen haben, das offiziell als »gemeinnützige Forschungs- und Beratungsorganisation« gilt und sich auf »auf die Untersuchung von Gruppenverhalten spezialisiert« hat. Es unterhält Dependancen in Deutschland und China und veröffentlicht regelmäßig ein eigenes Journal mit dem Titel »Human Relations«. Die erste Frage, die es zu klären gilt, ist also: Was genau ist das Tavistock Institut?


Seinen Namen hat es jedenfalls von seiner Gründungsstätte, dem Tavistock Square, einem öffentlichen Platz in London. Der wiederum ist nach einem 1694 geschaffenen Adelstitel benannt – dem Marquis von Tavistock. Das Institut untersteht einer Dachorganisation namens »The Tavistock Institute Association«, die formeller Eigentümer des Instituts ist und sich zusammen mit einem Kuratorium und einem Management-Team um das Tagesgeschäft kümmert. Die »Association« gehört zu einem Gebilde namens »Tavistock and Portman NHS Foundation Trust«, auch »Tavistock Centre« genannt. Dieser Trust wurde 1920 von »Tavistock Relationships« als »Tavistock Clinic« am Tavistock Square gegründet. Besagte Klinik sollte rasch expandieren, weshalb sie 1929 als gemeinnützige Organisation unter dem Namen »The Tavistock Institute of Medical Psychology« eingetragen wurde. 1948 war die Klinik dann Gründungsmitglied des britischen Gesundheitssystems NHS (National Health Service). Am 1. April 2026 fusionierte der »Tavistock and Portman NHS Foundation Trust« mit dem »North London NHS Foundation Trust«, der 6.000 Mitarbeiter beschäftigt und nun die Dachgesellschaft dieses unübersichtlichen Konglomerats bildet.


Nachdem die ursprüngliche Dachgesellschaft 1929 als gemeinnützige Organisation eingetragen worden war, durfte sie sich um Zuschüsse bewerben. Die ersten erhielt sie 1936 von der Rockefeller Stiftung, die mit einer großzügige Spende auch 1946 dafür sorgte, dass das ebenfalls gemeinnützige »Tavistock Institut für menschliche Beziehungen« im Jahr 1947 gegründet werden konnte. Wikipedia erklärt dazu:


»Die Frühgeschichte des Tavistock Instituts überschneidet sich mit der der Tavistock Klinik, weil viele Mitarbeiter der Klinik während des Zweiten Weltkriegs an neuen, groß angelegten Projekten arbeiteten und das Institut als Ergebnis dieser Arbeit gegründet wurde. (...) Die Mitarbeiter der Klinik planten (...), Teil des Nationalen Gesundheitsdienstes (NHS) zu werden, sobald dieser gegründet würde. Sie waren aber davor gewarnt worden, dass ihre Beratungs- und Forschungstätigkeit unter der Schirmherrschaft des NHS nicht möglich sein würden. Aus diesem Grund wurde 1947 das Tavistock Institut (...) gegründet.«


Es handelt sich bei Klinik (NHS) und Institut also um zwei getrennte Einheiten, die aber aufgrund ihrer verworrenen Entstehungsgeschichte und einer gemeinsamen Dachgesellschaft »untrennbar miteinander verbunden« sind. Um Institutionen, die zwar als gemeinnützige Organisationen eingetragen sind, durch ihre konfuse Struktur und eine historisch verbriefte Nähe zu Staat, Militär, Geheimdiensten und Konzernoligarchie aber eher als tiefenstaatlich operierendes Konstrukt eingeordnet werden müssen.


Auf der eigenen Webseite beschreibt Tavistock seinen Tätigkeitsbereich wie folgt:


»Die Tavistock-Klinik begann 1920 mit ihrer Arbeit zu Kriegsneurose und Trauma und entwickelte ein Bewusstsein für die Rolle des Unbewussten im Verständnis des Geistes, unserer Beziehungen und der Funktionsweise von Gruppen. Weiterentwicklungen der Bindungstheorie, der Systemtheorie, der Gruppenpsychotherapie und der Beratung sind wichtige Arbeitsbereiche des Trusts und relevant für das Gruppenbeziehungsmodell.«


Ein Beitrag im Independent vom 14. Juni 1993, der sich mit dem Werdegang eines Tavistock-Soziologen der ersten Stunde namens Eric Landsdown Trist befasst, erklärt darüber hinaus:


»Hauptmann (bald Oberstleutnant) Trist war eine zentrale Figur bei zwei großen Neuerungen: Erstens bei Gestaltung und Betrieb von War Office Selection Boards (WOSB), einem ausgeklügelten und effektiven System zur Identifizierung potenzieller Offiziere in den Dienstgraden sowie zur Auswahl der vielen Tausend Menschen, die die Armee benötigte. Zweitens bei der Entwicklung ziviler Umsiedlungseinheiten, die zurückkehrenden Kriegsgefangenen mit ihren oft schwerwiegenden emotionalen Problemen bei der Wiedereingliederung in das Zivilleben helfen sollen. Trist selbst hatte kein derartiges Problem. Er schloss sich seinen Kameraden – Jock Sutherland, Wilfred Bion, Tommy Wilson und anderen – an, die begeistert in die Tavistock Klinik zurückkehrten, um ihre Armeeerfahrung auf die Probleme des Wiederaufbaus nach dem Krieg anzuwenden. Das Ergebnis war 1946 der Aufbau einer weiteren Institution, des Tavistock Instituts für menschliche Beziehungen, wo Trist Gründungsmitglied war.«


Eric Landsdown Trist folgte in seiner Arbeit dem Vorbild von Kurt Lewin, einem deutsch-amerikanischen Psychologen, dessen Bekanntschaft er erstmals 1933 in Cambridge (Großbritannien) machte (P. Reason, H, Bradbury, The SAGE Handbook of Action Research, 2007, S. 78). Lewin befasste sich zunächst mit allgemeiner Verhaltensforschung, spezialisierte sich aber später auf die gezielte Veränderung von Verhalten im Zusammenhang mit Rassen- und Glaubenskonflikten. 1946 entwickelte Lewin das »Sensitivitätstraining«, das weithin als Fundament der »Political Correctness« betrachtet wird. Vorherrschenden Stereotypen wollte Lewin mit einem »Umerziehungsprozess« begegnen, der auf »Dialog und freier Meinungsäußerung« basiert. Dazu sollten Menschen zu eigenen Schlussfolgerungen kommen, die anschließend zuverlässig über deren »Gruppenzugehörigkeit« beeinflusst werden können.


Dieser Ansatz war Grundlage für die Arbeit des Tavistock Instituts, das sich eher mit der Manipulation als der Erforschung von Sozialverhalten befasst. Bevor Lewin 1947 starb, war es die Zusammenarbeit seines Team am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Trists Arbeitsgruppe am Tavistock Institut, die zur Gründung der hauseigenen Publikation »Human Relations« führte. Trist seinerseits nutzte die Grundlagenforschung des verblichenen Mentors und kombinierte sie mit den Erkenntnissen, die er und seine WOSB-Kollegen während des Krieges im Bereich Schock- und Traumatherapie gesammelt hatten, um den künftigen Aufgabenbereich des Tavistock Instituts, das Trist als stellvertretender Vorsitzender mitführte, zu definieren. 


Andere Gründungsmitglieder des Tavistock Instituts waren beispielsweise Elliott Jaques und Henry Dicks. Ersterer war kanadischer Psychoanalyst und Management-Berater, vor allem in der freien Wirtschaft aktiv und für so nachhallende Konzepte wie die »Midlife Crisis« und die »Unternehmenskultur« verantwortlich. Dicks dagegen war britischer Militärpsychologe, sprach Deutsch und betreute 1941 den inhaftierten Nazi-Funktionär Rudolf Hess. Von 1942 bis 1944 beriet Dicks den Militärnachrichtendienst, von 1944 bis 1945 das »Oberste Hauptquartier der Alliierten Expeditionsstreitkräfte« (SHAEF) in puncto psychologischer Kriegsführung und von 1945 bis 1946 die Kontrollkommission für die Entnazifizierung Deutschlands. 


Eine andere Schlüsselfigur aus der Gründungszeit des Tavistock Instituts ist John Rawlings Rees, ein britischer Militärpsychologe, der Henry Dicks ab 1941 bei der Betreuung von Rudolf Hess unterstützte und mit Hitlers Stellvertreter bis 1945 in enger Verbindung stand, bevor er bei Tavistock tätig und danach erster Präsident des »Weltverbandes für psychische Gesundheit« (WFMH) wurde. Darüber hinaus ist von den sieben Gründungsmitgliedern noch James Arthur Hadfield zu nennen, dem es gelang, so illustre Gastredner wie Carl Gustav Jung, Alfred Adler, Emanuel Miller, Edward Glover und Maria Montessori für das Tavistock Institut zu gewinnen.


Nebst offiziellen Akkreditierungen durch psychologische Fachverbände, den zahlreichen Anhängern von Sigmund Freud, die bei Tavistock arbeiteten und Sympathisanten wie Edward Bernays öffneten vor allem solche Namen dem »Tavi«, wie es in britischen Publikationen allenthalben verniedlichend bezeichnet wird, die Pforten für seine ab den 1960er Jahren zunehmend international ausgerichteten Projekte. Schon an den Lebensläufen von Trist, Lewin, Jaques, Dicks, Rees und Hadfield lässt sich exemplarisch ablesen, welche Kompetenzen und Interessen bei Tavistock zusammenfanden – und was für Auswirkungen die zumeist verdeckt stattfindende Arbeit dieses Instituts bis heute auf die Gesellschaft hat. Denn wo man früher einfach älter wurde, hat man heute eine »Midlife Crisis«. Wo in der Arbeitswelt einst soziale Verantwortung eine Rolle spielte, herrscht heute »Unternehmenskultur«.


Weitere Informationen zur Frühphase von Tavistock finden sich in Referenz SA/TIH/B/2/1 zur »Zusammenarbeit von Tavistock und der britischen Armee« während des Zweiten Weltkriegs, die über die digitale Sammlung des milliardenschweren, Eugenik hofierenden Wellcome Trust abrufbar ist:


»Die Mitglieder der Tavistock-Gruppe nannten sich das ‚Unsichtbare Kollegium‘ – in Anlehnung an den Vorläufer der Royal Society. Nach (..) ersten Projekten während des Krieges gründeten sie 1947 das Tavistock Institut für menschliche Beziehungen. Ziel war es, die im Krieg entwickelten Ansätze auf zivile Probleme und Fragestellungen anzuwenden. (...) Die Auswahlmethoden der [von Tavistock entwickelten psychologischen Untersuchungen für Rekruten namens] War Office Selection Boards wurden von Streitkräften weltweit übernommen. Unter anderem in Indien und Kanada. Die War Office Selection Boards wurden (...) für den öffentlichen Dienst adaptiert und vom Office of Strategic Services (OSS), Unilever und anderen Wirtschaftsunternehmen sowie von Feuerwehren, Polizeikräften, et cetera eingesetzt.«


Ein Artikel der 1974 in Virgina (USA) gegründeten Executive Intelligence Review (EIR) vom 12. November 1993 mit dem Titel »Die Massenmörder des Tavistock waschen die Gehirne unserer Kinder« findet deutlichere Worte:


»Die 1921 gegründete Tavistock Klinik (...) diente als psychologischer Kriegsarm der britischen Monarchie und profitierte von deren Schirmherrschaft sowie der Unterstützung verbündeter oligarchischer Netzwerke. Sie pflegte stets enge Arbeitsbeziehungen zu den höchsten Kreisen der Freimaurerei. Der derzeitige Vorsitzende des Verwaltungsrats ist der Cousin von Königin Elisabeth II., Herzog von Kent, der Großmeister der Vereinigten Großloge ist. Wie seine Gönner sind auch Tavistock und dessen Mitarbeiter entschlossen, die westliche jüdisch-christliche Zivilisation zu zerstören. Im Zentrum ihres jahrzehntelangen Kampfes steht die Auslöschung der Vorstellung vom Menschen als Ebenbild des Schöpfers, in dem einzigartigen Sinne, dass jeder Mensch mit dem Potenzial zur schöpferischen Vernunft ausgestattet ist. Der von Tavistock angestrebte ‚Paradigmenwechsel‘ würde den Menschen zur Bestie degradieren, die von der Oligarchie und ihren psychologischen Schocktruppen, die über das weitverzweigte Tavistock-Netzwerk eingesetzt werden, leicht kontrolliert werden kann. (...)  John Rawling Rees, der 1932 Direktor der Tavistock Klinik wurde, gründete das Tavistock Institut und forderte die Schaffung einer Armee von ‚psychologischen Schocktruppen‘, die die Kontrolleure einer Gesellschaft werden sollten, ‚in der es Menschen jeder sozialen Gruppe möglich ist, eine Behandlung zu erhalten, wenn sie diese benötigen – selbst, wenn sie es nicht wollen – und zwar ohne, dass es eines Gesetzes bedarf‘. Nach Ansicht von Rees haben Therapeuten das Recht und die Pflicht, den Massen ihre Urteile und ihren Willen aufzuzwingen. Auch jenen, die den Nutzen der vorgeschlagenen Therapie nicht sehen. Anfangs war Tavistock die Bastion der Freud‘schen Psychologie in England. In den 1920er Jahren war es als das ‚Freud Hilton‘ bekannt. Später wurde es zur Wirkungsstätte von Sigmund Freuds Tochter Anna, selbst eine führende Kinderpsychologin. (...) Im Laufe der 1930er Jahre schuf Rees ein weitreichendes Netzwerk in Europa und den Vereinigten Staaten und begann, Projekte beiderseits des Atlantiks zu koordinieren. Seine Mitarbeiter verteilten sich auf andere Institutionen: Krankenhäuser, Kliniken und insbesondere Universitäten. Sie gründeten neue institutionelle Zentren an Orten wie der Wharton School of Finance and Business Administration (Universität Pennsylvania), dem Institute for Social Research (Universität Michigan), dem Center for Advanced Behavioral Sciences (Stanford Research Institut) und der Sloan School (Massachusetts Institute of Technology), um nur einige der wichtigsten Zentren zu nennen.«


Ein 1988 veröffentlichter Artikel der British Sociological Association erklärt unter der Überschrift »Das Tavistock-Programm: Die Regierung der Subjektivität und des sozialen Lebens«, wie die von Tavistock entwickelten, managementorientierten Techniken und Fachbegriffe die Entwicklung neuer Denk- und Verhaltensweisen prägten und so Familie und Arbeitswelt nachhaltig veränderten. Dabei wird Subjektivität als eine Fähigkeit verstanden, die durch Regulierungstechniken und zentralisierte Formen von Expertise gefördert wird. »Dieser Rahmen dient der Analyse (...) des Tavistock, um einige der grundlegenden Transformationen der britischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert zu untersuchen«. Der Artikel nutzt dazu drei Fallstudien. Die Bewegung für psychische Hygiene in den 1920er und 1930er Jahren, die Rolle psychologischer Expertise im Zweiten Weltkrieg und die in der Nachkriegszeit entstandenen Verbindungen zwischen industrieller Produktivität, Gruppendynamik und psychischer Gesundheit.


In den 1960er Jahren forcierte Tavistock die Internationalisierung seiner Programme. Diese Expansion wird unter anderem in einer 279 Seiten umfassenden Dissertation von Amy L. Fraher (Universität San Diego) aus dem Jahr 2002 ausführlich beleuchtet. Die Expansion führte 1969 zur Gründung des »A. K. Rice Institute for the Study of Social Systems« (AKRI), das sich heute selbst als »größte Organisation der Welt für Gruppenverhalten« beschreibt und Schwerpunktthemen wie »Führung und Autorität in psychodynamischen Systemen« widmet. Die nur lückenhaft dokumentierten Aktivitäten, Publikationen und Mitgliederlisten des AKRI, für das trotz seiner Größe keine korrespondierende Wikipedia-Seite zu finden ist, lassen sich teilweise über das Archiv der American University Library nachvollziehen.


1994 unterschrieb Tavistock nach eigenen Angaben einen Ausbildungsvertrag mit dem britischen NHS und wuchs daraufhin erneut. Bisweilen nahmen mehr als 1.000 Personen gleichzeitig an Kursen des Tavistock Instituts teil, die nun in ganz Großbritannien stattfinden. Vor allem Kinder-und Familienpsychologen rissen sich von Beginn an um Mandate in den regional operierenden Tavistock-Zentren. Den archivierten Unterlagen der »Group Relations Training Association« (GRTA), einem landesweiten Netzwerk für Organisationstraining und Selbstentwicklung, lässt sich entnehmen, dass die von Tavistock entwickelten Methoden ab Mitte der 1960er Jahre durch eine sprunghaft wachsende Anzahl von ähnlich gelagerten Schulungsanbietern in ganz Großbritannien verbreitet wurden – und durch das AKRI folglich auch in den Vereinigten Staaten, wo Einrichtungen wie das 1962 gegründete, in Kalifornien ansässige Esalen Institut, das nach eigener Aussage von den »mystischen Tendenzen der Beat Generation« inspiriert wurde, radikalere Formen von »Sensivitätstraining« und »sexueller Gegenüberstellung« entwickelten. In diesem Kontext sollte daran erinnert werden, dass die von Tavistock entwickelte Methodik auf Schock und Trauma beruht. Auf Zuständen, die im Falle erst herbeigeführt werden müssen, um mit der »Therapie« beginnen zu können.


Zu den prominenten Referenten des isoliert an der Küste Kaliforniens gelegenen Esalen Instituts gehörten unter anderem LSD-Guru, West-Point-Kadett und FBI-Informant Timothy Leary, Arnold Toynbee, Buckminster Fuller, Alan Watts, Allen Ginsberg und Joan Baez. Der vorgängig erwähnte Artikel der Executive Intelligence Review (EIR) beschreibt das Esalen Institut wie folgt:


»Während das Tavistock Institut und sogar die National Training Labs den Anschein von Wissenschaftlichkeit und Seriosität wahren, suhlt sich das Esalen Institut, die Nummer drei der Denkfabriken hinter der New-Age-Bewegung, im Dreck der Gegenkultur. Dennoch führt Esalen über seinen Ableger in La Jolla, Kalifornien, das Western Behavioral Science Institut, seit Jahren affektive Bildungsprogramme an allen öffentlichen Schulen in Los Angeles und den meisten öffentlichen Schulen in San Diego durch. Esalen entstand buchstäblich als Folge der jahrzehntelangen Experimente der CIA und des britischen Geheimdienstes mit drogeninduzierten Gehirnwäschetechniken. Die Gründung von Esalen ist dem MK-Ultra-Projekt der CIA, das Anfang der 1960er Jahre die Universitäten und urbanen Zentren Amerikas mit LSD und anderen psychedelischen Drogen überschwemmte, direkt zuzuschreiben.«


Um zu verstehen, wie so ein mit »direkter, konfrontativer Intervention« aufgeladenes Tavistock-, AKRI- oder Esalen-Seminar abläuft, empfiehlt sich die Lektüre des knapp 30-seitigen Tavistock Primer II, einem Anfang der 2000er Jahre überarbeiteten Handbuch für Gruppenarbeit, das 1977 erstmals öffentlich wurde. Der Primer führt an, dass »das theoretische Rahmenwerk von Tavistock angewendet werden kann, um die Dynamik jeder Gruppe oder jedes sozialen Systems zu verstehen. Das Konferenzmodell hingegen wurde primär entwickelt, um das Bewusstsein für Gruppenphänomene und deren Auswirkungen auf Führung und Autorität zu schärfen. (...) Die Fähigkeit einer Einzelperson oder einer Gruppe, effektiv zu führen, hängt maßgeblich davon ab, wie Autorität von anderen an die Einzelperson oder die Gruppe übertragen wird. Die Faktoren, die diesen Prozess beeinflussen, lassen sich am besten verstehen, wenn man sie in der Praxis beobachtet. Die Konferenz ist daher als temporäre Organisation konzipiert, um ihren Teilnehmern die Möglichkeit zu bieten, die Vorgänge innerhalb und zwischen Gruppen in Echtzeit zu untersuchen«.


Wer sich einen Eindruck von aktuellen Tavistock-Kursen machen möchte, kann das unter anderem bei OPUS tun, wo man vom 24. bis 26. Juli 2026 Workshops mit dem Titel »Being and Belonging 2« anbietet. Oder bei Dr. Liz Greenway, die seit 2012 für Tavistock »Group Relations Conferences« betreut. Zu den tatsächlichen Inhalten der ominösen Kurse erfährt man aber auf keiner dieser Seiten etwas.


Gemäß Jahresabschluss 2024 arbeitet das Tavistock Institut mit einem überschaubaren Budget. Der entsprechende Bericht weist Einnahmen und Ausgaben von jeweils rund drei Millionen britischen Pfund aus – was mir in Anbetracht von Auftraggebern wie der Europäischen Kommission, dem Europaparlament, der britischen Regierung, der Europäischen Zentralbank und diversen Konzernen fragwürdig gering erscheint. Zu erklären ist das eventuell damit, dass die Methodik als Blaupause bereits entwickelt und daher vorhanden ist, die Tavistock-Kampagnen von einem relativ kleinen Team durchgeführt und die durch kundenspezifische Anpassung anfallenden Projektkosten auf den jeweiligen Auftraggeber abgewälzt werden.


Mediale Aufmerksamkeit erregte das zumeist diskret agierende Tavistock Institut in jüngster Vergangenheit, weil es den »Gender Identity Development Service« (GIDS) des NHS führte und Großbritanniens größte Klinik für Geschlechtsumwandlungen bei Jugendlichen betrieb. Das Buch »Time To Think« der BBC-Journalistin Hannah Barnes machte die skandalösen Praktiken des Tavistock Instituts 2023 einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Der entsprechende Skandal bewegte den NHS dazu, den GIDS-Service mit Verzögerungen im Jahr 2024 zu schließen – wobei »schließen« nicht für das endgültige Einstellen, sondern eine Verlagerung in regionale Anlaufstellen und die Gründung des »NHS Children and Young People‘s Gender Care« Service stand.


Zwischenbilanz


Es steht an diesem Punkt der Analyse also außer Frage, dass Tavistock seit seiner Gründung engste Verbindungen zum militärisch-industriellen Komplex des »Empire« pflegt und als dessen Social-Engineering-Zentrale betrachtet werden kann, dass die von Tavistock entwickelte Methodik traumabasierter Manipulation durch Netzwerke für »Schulungen« in Großbritannien, Europa und durch Organisationen wie AKRI oder Esalen auch in den USA Verbreitung fand, dass Tavistock-Mitarbeiter bis heute weitgehend verdeckt für Regierungen, Großbanken und Konzernoligarchie tätig sind, dass der von Tavistock entwickelte »Werkzeugkasten« für Massenmanipulation heute mit geringem Personalaufwand adaptiert und von anderen Organisationen eingesetzt werden kann – und, dass die Arbeit dieses nebulösen Instituts unsere Gesellschaft nachhaltig verändert hat.


Demzufolge ist auch davon auszugehen, dass Organisationen wie das international operierende »Behavioural Insights Team« (BIT) – besser bekannt als »Nudge Unit« –, das bis zu 500 Mitarbeiter beschäftigt, Tavistock-Methodik für ihre Propagandatätigkeit nutzen. Zur Erinnerung: Nach Informationen der OECD sind weltweit mindestens 202 Organisationen damit beschäftigt, »Nudging« zu betreiben, um die Öffentlichkeit im Sinne der Herrschaftskaste zu manipulieren. Und die beiden bekanntesten Mitglieder der »Nudge Unit«, Richard Thaler und Cass Sunstein, Autoren des 2008 von der Yale-Universität publizierten Buches Nudge, dozierten auch für die von Jeffrey Epstein finanzierte EDGE Foundation, wo Big-Tech-Funktionäre wie Elon Musk, Jeff Bezos und Bill Gates in puncto Social Engineering weitergebildet wurden. In diesem Kontext wird auch deutlich, warum sich Organisationen wie Tavistock und seit 2021 auch die »Nudge Unit« offiziell in privater Hand befinden – wären sie Teil des Staatsapparats, wären sie nämlich zumindest zu einem gewissen Grad von Transparenz verpflichtet.


Fakt und Fiktion


Äußerst fraglich sind dagegen diverse andere Behauptungen in Bezug auf das Tavistock Institut. Die meisten davon basieren auf dem eingangs erwähnten Buch »The Tavistock Institute – Shaping the Moral, Spiritual, Cultural, Political and Economic Decline of the United States« von John Coleman, das 2005 erstmals als Paperback und 2006 in der heute bekannten Form mit ISBN-Nummer erschien. Das Problem: Colemans Buch führt – wie auch sein wohl bekanntestes Werk zum »Komitee der 300« – keine einzige Quelle an. Es ist eine belegfreie Erzählung. Ein gefährlicher, oft dilettantischer Mix aus Fakten und Behauptungen. So schreibt der selbsternannte und undurchsichtige »MI6-Veteran« beispielsweise, das Tavistock Institut sei der direkte Nachfolger von Wellington House, dem britischen, 1914 gegründeten Kriegspropagandabüro. Belege dafür bleibt er schuldig – weil sich auch mit viel Mühe keine finden. Und das ist nach über 100 Jahren selbst bei strengster Geheimhaltung mehr als unüblich. Darüber hinaus spricht auch der zeitliche Abstand zwischen der Auflösung von Wellington House (1918) und der Gründung der Tavistock Klinik (1920) gegen Colemans Behauptung. Denn bei ähnlich gelagerten Transformationen, zum Beispiel DARPA Life Log und Facebook oder Total Information Office und Palantir, sind die zeitlichen Abstände deutlich geringer.


Weiterhin hält sich dank Coleman hartnäckig die Behauptung, Sigmund Freuds Neffe, Edward Bernays, hätte persönlich am Tavistock Institut unterrichtet. Doch auch dafür gibt es keinerlei Belege – weil Bernays und Walter Lippman damit beschäftigt waren, die Öffentlichkeit in den Vereinigten Staaten zu manipulieren. Unter anderem, um Woodrow Wilsons »Propagandamaschine« dabei zu unterstützen, Stimmung für den Kriegseintritt der USA im Jahr 1917 zu machen.


Auch ein im Internet kursierendes Foto, das Angela Kasner, besser bekannt unter ihrem heutigen Nachnamen Merkel, mit zwei späteren Spitzenpolitikerinnen – Theresa May und Dalia Grybauskaite – zeigen soll, ist vielleicht leichter zu entmystifizieren als den abertausend Video-Kanälen, die ganze Sendungen zu dem Bild produziert haben, lieb ist. Denn es zeigt trotz gewisser Ähnlichkeiten der fotografierten Teenager mit den beiden »Verdächtigen« vielleicht doch einfach nur die spätere Kanzlerin bei einer Silvesterparty im Berlin des Jahres 1972. Man weiß es nicht – weshalb Absolutismen schlicht fehl am Platz sind.


Zu guter Letzt lässt sich auch die gängige Behauptung, George Martin, der legendäre Produzent der Beatles, habe mit Tavistock kooperiert, mit keinerlei Indiz oder Beleg erhärten. Der in einfachen Verhältnissen aufgewachsene »fünfte Beatle« besuchte als Kind zwar das von Jesuiten geführte St. Ignatius College, wo auch Alfred Hitchcock zur Schule ging, diente von 1943 bis 1947 bei der Royal Navy und hatte als Chef von Parlophone irgendwann Zugang zu den unteren Ebenen des britischen Establishments, Verbindungen zu Tavistock sind ihm aber trotzdem keine nachzuweisen.


Was geschah in den Sechzigern?


So stellt sich an dieser Stelle natürlich die Frage: Welche Verbindungen zum militärisch-industriellen Komplex sind den Ikonen der Hippie-Bewegung – den Beatles, Grateful Dead, Jim Morrison, Frank Zappa, The Mamas & The Papas, et cetera – konkret nachzuweisen? Welche Rolle spielten Organisationen wie Tavistock und Esalen oder die Musikszene im Laurel Canyon dabei? Inwieweit war das MK-ULTRA-Programm der CIA gezielt darauf angelegt, die Hippie-Bewegung zu kontaminieren? Sollte es die aufgrund des Vietnamkriegs entstandenen Antikriegsproteste beenden, indem man Rädelsführer und Sympathisanten narkotisiert? Wurde die Hippie-Bewegung erst nach ihrer Entstehung unterwandert – oder war sie von Beginn an orchestriert und als sozialarchitektonischer Hebel vorgesehen, der tradierte Strukturen auflösen und über Selbstfixierung sowie technischen Fortschritt zur Exhibitionsneurose der Social-Media-Ära führen sollte? Sollte diese »kulturelle Revolution« den Menschen von der Person zur Persona machen?


Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, empfiehlt sich die Lektüre des 2014 erschienenen Buches »Weird Scenes Inside the Canyon: Laurel Canyon, Covert Ops & the Dark Heart of the Hippie Dream« von David McGowan. Denn seine gut 300 Seiten befassen sich nicht nur mit »verdeckten Operationen« und dem »dunklen Kern des Hippie-Traums«, sondern verdichten auch eine Unmenge an weit verstreuten Informationen. Leider verzichtet auch McGowan, der als »erster 9/11-Skeptiker« gilt, weil er weniger als 24 Stunden nach dem Kollaps der Türme den ersten kritischen Artikel dazu veröffentlichte, auf Fußnoten und Primärquellen, sodass sich viele Angaben praktisch nur für »Insider« mit Fachwissen verifizieren lassen. Ist dem Leser nicht klar, wo er ein bestimmtes Zitat von Jim Morrison suchen muss, ist er aufgeschmissen.


Im Gegensatz zu vielen von Colemans haltlosen Behauptungen, kann man McGowans Angaben aber immerhin durch dokumentierte Fakten, physische Medien und anekdotische Belege überprüfen. McGowan, der auch Texte und Bücher über pädophile Eliten, Serienkiller, die Boston-Marathon-Bomben, die Mondlandung und den Mord an Abraham Lincoln publizierte, starb nur Monate nach der Veröffentlichung von »Weird Scenes Inside the Canyon« an einer ungewöhnlich aggressiven Form von Lungenkrebs. Er selbst sah sich nicht als Opfer eines Angriffs – was den Verlust dieses kritischen Geistes aber nicht minder schmerzlich macht.


Das Epizentrum von McGowans Recherche ist ein abgelegenes Viertel in den Hollywood Hills über Los Angeles: Laurel Canyon. Genauer gesagt Lookout Mountain, Laurel Canyon. Denn dort befand sich die »Lookout Mountain Air Force Station« (LMAFS), ein 1947 in Betrieb genommenes, geheimes Filmstudio des US-Verteidigungsministeriums. Ein für seine offiziellen Zwecke völlig überdimensioniertes, 4.600 Quadratmeter großes Studio mit bis zu 250 Mitarbeitern, für das unter anderem Stars wie Jimmy Stewart, Marilyn Monroe, John Wayne und Ronald Reagan oder Filmemacher wie John Ford und Walt Disney eine Sicherheitsfreigabe hatten – obwohl niemand weiß, was sie dort eigentlich taten. Nach Angaben des Pentagon wurde das Studio nur von der Atomenergiekommission genutzt, die dort Filmmaterial von amerikanischen Atomtests nachbearbeitete. Tatsächlich sollen in der LMAFS zwischen 1947 und 1969 aber bis zu 19.000 »Filme« produziert worden sein. Also knapp 500 mehr als in Hollywood im gleichen Zeitraum – und nur ein paar Dutzend davon wurden bis heute deklassifiziert.


Die Kernthese von McGowans Buch ist, dass die überdurchschnittlich hohe und gut dokumentierte Konzentration an erfolgreichen Bands, die in Laurel Canyon entstanden oder ihren Durchbruch feierten, kein Zufall sein kann: The Doors, The Byrds, Buffalo Springfield, The Monkees, The Beach Boys, Steppenwolf, Frank Zappas Mothers of Invention, The Turtles, The Mamas & The Papas, die Eagles, Joni Mitchell, Jackson Browne, James Taylor, Linda Ronstadt, Carole King – um nur einige zu nennen.


Neben dieser wohl einmaligen geografischen Akkumulation von kulturell prägenden Künstlern, sind es aber auch deren familiäre Hintergründe und eine extrem hohe Anzahl von dubiosen Todesfällen, die nicht nur McGowan nicht an Zufall glauben lassen. Auch die kontraintuitive Reihenfolge der infrastrukturellen Entwicklungen im Los Angeles der frühen 60er macht stutzig. Denn L.A. war zu diesem Zeitpunkt und im Gegensatz zu New York, Detroit oder Nashville kein Hotspot für Musik – was es umso erstaunlicher macht, dass dort plötzlich eine Vielzahl von Plattenlabels gegründet wurden, um schlecht spielende Bands unter Vertrag zu nehmen, die niemand kannte. Bands, die in neu entstandenen Clubs ohne Publikumsverkehr auftraten, der mit solch unbekannten Acts auch nicht zu generieren war.


Dass die Clubs am Sunset Strip sich dennoch irgendwann füllten, hatte zwei Gründe. Erstens: »Die Freaks« – eine wild tanzende Kombo junger Menschen, die sich um einen älteren Herrn namens Vitautus Alphonsus »Vito« Paulekas scharte. Vitos Truppe sorgte ab 1963 für Aufsehen, wenn sie mit langen Haaren, unrasiert, barfuß und mit wallend-buntem Leinen bedeckt die Tanzfläche stürmte. Die selbsternannten Freaks um Paulekas predigten sexuelle Freizügigkeit, lebten in Kommunen, feierten Orgien und tanzten sich in Ekstase, wann immer es ging. Sie schufen den Hippie-Look. Sie waren die ersten, die den Flower-Power-Lifestyle offen zur Schau stellten – und ihn in einem Laden anboten, den Vitos Frau betrieb. Die Freaks waren die Attraktion in den neu entstandenen Clubs. Und Vito ihr Guru. Die Charakteristika der Flower-Power-Bewegung entwickelten sich also nicht, wie landläufig angenommen, in Haight-Ashbury (San Francisco), sondern in Los Angeles.


Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Vita von Vito. Denn der löchrige Lebenslauf des 1913 geborenen Sohnes litauischer Einwanderer gibt nicht viel her. Als Teenager war er kurz in einem Jugendheim. Dann lernte er Schnitzen und war als Marathon-Tänzer unterwegs. 1938 wurde er wegen eines bewaffneten Raubüberfalls zu 25 Jahren Haft verurteilt. Trotzdem kam er – aus unbekannten Gründen – schon 1942 wieder frei und ging zur Handelsmarine. 1946 zog er nach Los Angeles, wo er sich mit Töpfer- und Tanzkursen über Wasser hielt. 1949 berichtete plötzlich die Los Angeles Times über Vito und seine Kunst, die dennoch wenig Beachtung fand. Das hielt das Blatt jedoch nicht davon ab, auch 1956, 1958 und 1959 über Ausstellungen des ominösen Herrn zu berichten. Ein Grund für dieses eher ungewöhnliche Marketing könnte im familiärem Umfeld des »ersten Hippies« zu finden sein:


»Vito Paulekas war ein Cousin ersten Grades von Eva Paul. Eva trug viele Namen, war aber vor allem als Bobo Rockefeller bekannt. Die Presse feierte ihre Hochzeit mit Winthrop Rockefeller als ‚Aschenputtel-Hochzeit‘. Winthrops Vater war John Rockefeller. Eva Pauls Vater war zufällig der Bruder von Vito Paulekas’ Vater. Damit war Vito angeheirateter Cousin von Winthrop Rockefeller und Blutsverwandter des einzigen Kindes des Paares, Winthrop Paul Rockefeller, der später Vizegouverneur des Bundesstaates Arkansas wurde.«


Das könnte erklären, warum Anfang der 60er plötzlich Filmstars wie Harry Dean Stanton in Vitos Atelier herumhingen, warum Vito plötzlich überall war, warum im Internet kaum etwas über ihn zu finden ist und warum all die Flower-Power-Ikonen seinen Namen in ihren Biografien unterschlagen, obwohl Vito massiv Einfluss auf lokale Künstler wie Frank Zappa, The Leaves oder The Byrds nahm. Letzteren stellte er 1964 sogar sein »Atelier« als Proberaum zur Verfügung – Musik war nämlich nicht deren Stärke – bevor er die Band (und später Frank Zappa) mit seinen Freaks auf der ersten Tour begleitete. Alban Pfisterer, ehemals Schlagzeuger bei Love, erklärte gar, dass Vito es war, der die Byrds zusammenbrachte. Eine Casting-Band also, deren Bassist noch nie zuvor Bass gespielt und deren Schlagzeuger noch nie an einem Schlagzeug gesessen hatte.


Bemerkenswerte Hintergründe, die Byrds-Frontmann David Crosby, der auch mit Crosby, Stills, Nash & Young Karriere machte, in seiner Biographie gerne unterschlägt:


»‚So erinnere ich mich an mein Leben. Andere mögen andere Erinnerungen haben, auch wenn wir ähnliche Erfahrungen gemacht haben‘. So beginnt David Crosbys Autobiografie ‚Long Time Gone‘ (zusammen mit Carl Gottlieb). Wie sich zeigt, erinnern sich viele Menschen an Personen aus Crosbys Leben, die in dem umfangreichen Buch fast unerwähnt bleiben. Ihre Namen fallen nur einmal und beiläufig. Und zwar nicht von Crosby selbst, sondern in einem Zitat von Manager Jim Dickson, der die Szene in den Sunset-Strip-Clubs beschreibt (...): ‚Wir hatten sie alle da. Jack Nicholson tanzte, Peter Fonda tanzte mit Odetta und Vito und seine Freaks waren auch da‘. Nach dieser kurzen Erwähnung durch Dickson erklärt Gottlieb den Lesern kurz: ‚Vito und seine Freaks waren eine Art abgedrehte, weitverzweigte Familie von hirngeschädigten Mitbewohnern‘. Und das ist dann auch schon die einzige Erwähnung von ‚Vito und seinen Freaks‘ in einem unglaublich selbstverliebten 489-seitigen Wälzer. Obwohl die Gruppe, die auch in fast allen anderen Artikeln als ‚hirngeschädigte Mitbewohner‘ abgetan wurde, eine Schlüsselrolle beim frühen Erfolg von Crosbys Band spielte. Und beim frühen Erfolg von Arthur Lees Band. Und beim frühen Erfolg von Frank Zappas Band. Und beim frühen Erfolg von Jim Morrisons Band. Vor allem aber beim frühen Erfolg von David Crosbys Band« – so David McGowan.


Der zweite Grund für den zunächst unwahrscheinlich erscheinenden Erfolg der Beat-Clubs in Los Angeles: Dank Vitos tanzender Truppe interessierten sich nun auch Hollywood-Stars wie Dennis Hopper, Steve McQueen, Jack Nicholson, Sharon Tate, Peter Fonda und Jayne Mansfield für die Szene in L.A. – und für das Phänomen Hippie. Das wiederum lockte normale Gäste an, die darauf hofften, ihre Stars einmal persönlich am Sunset Strip treffen zu können und bescherte Clubs wie Ciro‘s Le Disc, Pandora‘s Box oder The Whiskey a Go Go einen echten Boom. Und das machte Bands wie The Byrds erst bekannt.


Die Beatles bildeten mit ihrer Ankunft in New York am 7. Februar 1964 die Vorhut der »British Invasion«. John, Paul, George und Ringo brachten »Beatlemania« nach Amerika. Die Rolling Stones folgten auf dem Fuße und erweiterten das dialektische Angebot auf »böse Jungs« – ein Image, das ihr Manager, Andrew Loog Oldham, der Sohn eines US-Air-Force-Leutnants, mit viel Aufwand fabrizierte, um einen Gegenpol zu den Beatles zu bilden. Doch erst der augenscheinlich von Geheimdiensten betreute Inkubator Lookout Mountain/Laurel Canyon, das von der CIA aus der Schweiz importierte LSD und der »erste Hippie« machten daraus jene Massenbewegung, die man von Fotos aus Haight-Ashbury und Woodstock kennt.


Gerade als die Antikriegsbewegung in akademischen Kreisen – wo Widerstand strukturelle Macht tatsächlich gefährden konnte – am stärksten wuchs, lenkte Flower-Power oppositionelle Kräfte in eine drogengetränkte Gegenkultur um, die sich auf Eskapismus, anstatt organisierten Widerstand konzentrierte. Das Momentum, das die Beatles in Großbritannien entfachten, nutzen die Sozialarchitekten des angloamerikanischen Empire, um aus echtem Protest ein selbstverliebtes »Happening« zu machen.


Es sei in diesem Kontext kurz daran erinnert, dass die CIA extra zwei Agenten zu Sandoz in die Schweiz schickte, wo Dr. Albert Hoffmann 1953 durch Zufall auf die psychoaktiven Fähigkeiten von LSD gestoßen war, um den gesamten verfügbaren Bestand aufzukaufen und diesen in die USA zu bringen – wo Sidney Gottlieb und sein MK-ULTRA-Team es dazu benutzten, Versuche an Menschen durchzuführen. Danach warben »psychedelische Pioniere« wie Aldous Huxley, Timothy Leary und Robert Anton Wilson am Esalen Institut für die Droge – wo Leary 1966 auch den Slogan »Turn on, tune in, drop out« ersann. Ein Jahr später wiederholte er diesen Satz bei einer Rede vor 25.000 bis 30.000 Menschen im Golden Gate Park von San Francisco und machte die Phrase zu einer definierenden Leitlinie der Hippie-Bewegung, die ihren Fokus daraufhin von offenen Protesten gegen den kriegerischen Machtapparat auf Selbstfindung und Sinnsuche verlagerte.


Ganz vorne mit dabei in Sachen LSD: die 1965 gegründeten The Grateful Dead um Frontmann Jerry Garcia, der sich nach dem Diebstahl des elterlichen Autos 1960 zwischen Militärdienst und Gefängnis entscheiden musste – und Ersteres wählte. Obwohl er dem Militärdienst, den er zeitlebens versuchte geheimzuhalten, regelmäßig unentschuldigt fernblieb, wurde er regulär entlassen. Das ist in solchen Fällen mehr als unüblich und deutet auf Verbindungen oder eine Sonderbehandlung hin. Vier Jahre vor besagtem Diebstahl, 1956, verlor Garcia seinen besten Freund, Paul Speegle, bei einem nächtlichen Autounfall. Ein Verlust, der Garcia nach eigenen Angaben schwer traumatisierte. Ein Umstand, den das tiefenstaatliche Umfeld von Grateful Dead offenbar zu nutzen wusste – denn wie Alan Ginsberg oder Ken Kesey mit seinen CIA-affinen, LSD verteilenden Merry Pranksters nahmen auch Grateful-Dead-Mitglieder wie Texter Robert Hunter freiwillig am MK-ULTRA-Programm teil und bekamen ihre Drogen direkt vom Geheimdienst. Dass der Manager von Grateful Dead, Alan Trist, gemäß Quellenlage und einem Interview, das im Juni oder Juli 1990 bei KPFA ausgestrahlt wurde, eines der beiden Kinder von Tavistock-Gründer und »Rockefeller Research Fellow« Eric Landsdown Trist ist und laut Robert Hunter sogar die Initialzündung für die Gründung der Band lieferte, überrascht an dieser Stelle also nur noch bedingt.


Ähnlich interessante familiäre Hintergründe gibt es praktisch bei allen Laurel-Canyon-Bands – und auch bei den Filmstars, die den Clubs in L.A. Zulauf bescherten. So arbeitete zum Beispiel der Vater von Dennis Hopper für das OSS (Office of Strategic Services), den Vorläufer der CIA. Jack Nicholson diente selbst – ab 1957 mindestens zwei Jahre bei der California Air National Guard und danach bis 1962 freiwillig als Reservist, was ihm einen mehrmonatigen Einsatz bei der Berlin-Krise 1961 bescherte. Der Vater von Steve McQueen war bei der Marine. Peter Fondas Vater bei der Navy.


Der Vater von Jim Morrison, George Stephen Morrison, war Kommandeur eines Flugzeugträgers und Admiral bei der US Navy – und 1964 obendrein Flottenkommandeur während des als False Flag entlarvten Tonkin-Zwischenfalls, der die USA in den Vietnamkrieg führte. Einen Krieg, der je nach Schätzungen bis zu vier Millionen Menschen das Leben kostete und daher zu Recht zentraler Gegenstand der Antikriegsbewegung war. Ein Foto aus dem Jahr 1964 zeigt Vater und Sohn an Bord genau jenes Kriegsschiffes, das im Tonkin-Vorfall »zum Einsatz« kam und verdeutlicht, warum McGowan die persönliche Entwicklung von Jim Morrison mit den MK-ULTRA-Experimenten assoziiert: vom braven, kurzhaarigen 21-jährigen mit Polokragen, der seinen Vater bei der Navy besucht, zum Protestler in Laurel Canyon, wilden Weltstar und aufgedunsenen, paranoiden Wrack im »Club der 27« – in nur sieben Jahren. Möglich, aber vor allem deshalb kurios, weil sich Jim Morrison vor den Doors nie für Rockmusik interessierte. Er hatte nie getextet, spielte kein Instrument, kannte keinen einzigen Akkord und konnte nicht komponieren, war aber trotzdem der Hauptkomponist einer Band, die schon mit dem ersten Album Geschichte schrieb.  


»Papa« John Phillips von The Mamas & The Papas war der Sohn eines Marineoffiziers, besuchte als Kind die Linton Hall Militärschule, verbrachte ein Jahr an der United States Naval Academy und wurde von seiner Tochter Mackenzie Phillips beschuldigt, sie mit 19 Jahren vergewaltigt zu haben. Seine Mutter, seine ältere Schwester und seine erste Frau Susan, die ein direkter Nachkomme des Gründervaters und 2. US-Präsidenten John Adams war, arbeiteten ebenfalls fürs Militär.


Der bereits zuvor erwähnte David Crosby (von The Byrds), mit vollem Namen David Van Cortland Crosby, entstammt einer ähnlich prestigeträchtigen Familie – den Van Cortlands – die auf das 17. Jahrhundert zurückreicht, ein immenses Vermögen verwaltet, mit den Familien Schuyler, Bush sowie Roosevelt verwandt ist und bis auf die Präsidentschaft jedes öffentliche Amt bekleidete, das man in den USA bekleiden kann: Gründervater, General, Bundesrichter, Senator, Gouverneur, Kongressabgeordneter. Davids Vater, Floyd Delafield Crosby, war Wall-Street-Banker und im Zweiten Weltkrieg für die Propaganda-Abteilung des U.S. Army Air Corps tätig. David Crosby war also zweifelsohne Teil der »amerikanischen Aristokratie«. Genau wie der langjährige Finanzmanager der Rolling Stones, Prinz Rupert zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg, der einem Adelsgeschlecht entstammt, das mit den Wittelsbachern verwandt ist und nicht nur über Bayern, sondern auch Schweden, Finnland, Norwegen, Ungarn sowie Griechenland herrschte und mit Sophie von Hannover auch noch die Stammmutter der britischen Monarchie hervorbrachte.


Songwriter James Taylor ist Spross einer wohlhabenden britischen Familiendynastie. Sein Vater, Isaac M. Taylor, war ab 1955 bei der US Navy und 1957 als Teil von »Operation Deep Freeze« in der Antarktis. Der Singer-Songwriter Jackson Browne wurde gar auf einem Militärstützpunkt geboren – sein Vater arbeitete allem Anschein nach beim OSS. Genau wie Gram Parsons Adoptivvater, der Exil-Kubaner in den Everglades trainierte, um den Sturz von Fidel Castro in Kuba vorzubereiten. Stephen Stills, der zuerst Mitglied von Buffalo Springfield und danach von Crosby, Stills & Nash war, wuchs ebenfalls in einer vom Militärdienst geprägten Familie auf. Sein Vater, William Arthur Stills, war mutmaßlich Teil verdeckter Operationen des US-Militärs in Costa Rica, Panama und El Salvador. Denn die Familie zog regelmäßig und ohne Angaben von Gründen um – und William Arthur Stills ist ein Phantom, über das praktisch keine Informationen zu finden sind, während ihm in verschiedenen Biographien verschiedenste Berufe nachgesagt werden – ein gängiges Muster, das auf das vorsätzliche Verwischen von Spuren hindeutet.


Die Vergangenheit von Frank Zappas Vater ist dagegen gut dokumentiert. Der arbeitete nämlich bei der »Edgewood Arsenal Facility«, einer geheimen Einrichtung des US-Militärs, die über 20 Jahre hinweg Chemiewaffen wie Senfgas an Menschen testete und Versuche im Bereich »psychochemischer Kriegsführung« durchführte. Eine Tätigkeit, deren toxischer Nachlass diverse Autoren mit Franks tödlichem Prostatakrebs in Verbindung bringen. Frank Zappa vetrat als Kritiker der Hippie-Bewegung überdies die Ansicht, dass die drogenbedingte Passivität der Blumenkinder der Kollusion mit autoritären Elementen den Weg ebnete. Zappa hatte kein Problem damit, dass LSD in staatlich geförderten Mind-Control-Experimenten eingesetzt wurde, bevor es zur Droge der Wahl in der Gegenkultur der Sechziger wurde. Seine Kritik an den Hippies wollte er jedoch nicht als reaktionären Angriff auf deren Andersartigkeit, sondern vielmehr als Kritik an deren Tendenz zur Konformität gewertet sehen. In diesem Lichte muss dann wohl auch Zappas zutreffender Hinweis, dass »Politik die Entertainment-Abteilung des militärisch-industriellen Komplexes ist«, neu bewertet werden. Denn auch wenn er diesen Hinweis ernst meinte, scheint dieser sich nicht nur aus einem rebellischen Geist, sondern auch aus entsprechendem Umfeldwissen gespeist zu haben.


Weder Jim Morrison noch »Papa« John Phillips, David Crosby, Frank Zappa oder Stephen Stills sprachen jemals öffentlich über ihre familiären Hintergründe – was der oft ventilierten These entgegensteht, dass die obrigkeitskritische Haltung dieser Künstler aus einer Rebellion gegen das Elternhaus resultiere. Naheliegender ist daher, dass solche Ikonen, ob wissentlich oder unwissentlich, Teil eines breit angelegten Social-Engineering-Programms waren. Wie ein 2004 freigegebenes Geheimdokument des OSS aus dem Jahr 1943 belegt, stufte das Militär Bilder schon damals als eine der mächtigsten Waffen in seinem Arsenal ein. So seien Spielfilme ein »beispielloses Lehrmedium«, eine »offensichtliche Kraft der Meinungsbildung«, die »Handlungen anregt oder verhindert«. Daher empfahl das OSS 1943, dass die USA »das Potenzial des Films als Waffe der psychologischen Kriegsführung nutzen« müssen.


So nimmt es kaum Wunder, dass das US-Innenministerium in den 1950er Jahren auch Jazz-Musiker wie Louis Armstrong, Dizzie Gillespie, Dave Brubeck, Benny Goodman und Duke Ellington anheuerte, damit sie das aufgrund des Rassismus gegenüber Schwarzen und Ureinwohnern ramponierte Image der USA als »Jazz-Botschafter« aufbessern. Wie ein Artikel von The Nation am 9. Juni 2005 unter dem Titel »The Cool War« erklärt, sahen US-Regierung und CIA die kulturellen Sympathieträger als wirkungsvolle Waffe im Kalten Krieg.


Während der Jazz von staatlicher Seite instrumentalisiert wurde, engagierte sich der Adel für den Bebop. Die eifrigste Unterstützerin von Thelonius Monk, Charlie Parker, Art Blakey, Sun Ra, Barry Harris und vielen anderen war nämlich niemand Geringeres als die »Jazz-Baroness« und »Bebop-Baronin« Pannonica de Koenigswarter, die 1913 unter dem Namen Kathleen Annie Pannonica Rothschild in London das Licht der Welt erblickte. De Koenigswarter war die jüngste Tochter von Nathaniel Charles Rothschild und Rózsika Rothschild, geborene Edle von Wertheimstein. Ihr Bruder Victor arbeitete als persönlicher Kurier für Winston Churchill in den USA. Nach Stationen in Deutschland, Frankreich und Mexiko zog Pannonica 1952 allein nach New York City und tauchte in die Jazzszene ein – und zwar so tief, dass sowohl Thelonius Monk als auch Charlie Parker in den Räumlichkeiten ihrer engen Freundin de Koenigswarter starben. Pannonica war allem Anschein nach tatsächlich ein rebellischer, tierlieber, von Jazz begeisterter Freigeist, der mit den Einschränkungen eines Lebens als Diplomatengattin nicht umgehen konnte. Dennoch nimmt ihre finanzielle Förderung »revolutionärer Musik« in den 50ern Entwicklungen vorweg, die knapp zehn Jahre später die Welt verändern sollten.


Nun beschränken sich die seltsamen Allianzen zwischen militärisch-industriellem Komplex und kulturellem Einfluss aber nicht auf die Vergangenheit. So war der Vater von Fugazi-Frontmann und Dischord-Gründer Ian MacKaye im Pressekorps des Weißen Hauses und persönlich zugegen, als John F. Kennedy erschossen wurde. Und sein Großvater arbeitete für das United States Office of War Information (OWI), eine US-Behörde zur Verteilung von Kriegsinformationen. Der Vater von Dave Grohl, seines Zeichens Nirvana-Schlagzeuger und Gründer der Foo Fighters, war persönlicher Assistent von US-Senator Robert Taft Jr. unter Ronald Reagan. Und Silvio Ciccone, der Vater von Madonna, dem größten Star der 80er, war als Ingenieur bei Chrysler Defense/General Dynamics Land Systems (GDLS) beschäftigt und entwarf Laseroptik sowie Feuerleitsysteme für die Rüstungsindustrie.


»Doch kaum eine Familie verkörpert die Verschmelzung von Geheimdienstoperationen und Kulturproduktion so treffend wie die Copelands. Miles Copeland Jr., Mitbegründer der CIA und verantwortlich für Staatsstreiche im Nahen Osten, beschrieb die psychologischen Strategien hinter dieser Integration in seinem Buch ‚The Game of Nations‘. In diesem erhellenden Werk skizziert Copeland explizit Manipulationsmethoden, die sowohl Geheimdienstoperationen als auch Popkultur prägen sollten: ‚In der Welt verdeckter Operationen ist nichts so, wie es scheint. Der Schlüssel liegt nicht in der Kontrolle von Handlungen, sondern in der Kontrolle der Wahrnehmung von Handlungen‘. Sein Sohn, Miles Copeland III., wurde zu einer Schlüsselfigur der Musikindustrie. Er managte einflussreiche Bands wie The Police (mit seinem Bruder Stewart als Schlagzeuger), Dead Kennedys, The Bangles und gründete I.R.S. Records. Mit I.R.S. prägte Copeland den Aufstieg von Alternative-Musik zum Mainstream und betreute Bands wie R.E.M., angeführt von Michael Stipe – ebenfalls ein Kind von Militärangehörigen.


Die Copelands bilden eine entscheidende Brücke zwischen verdeckten Operationen und Kulturproduktion und zeigen, wie sich Geheimdienstmethoden von direkten Interventionen zu subtiler Einflussnahme durch Unterhaltung entwickelten. Ihr erfolgreicher Ansatz, die Anziehungskraft der Gegenkultur mit kommerziellem Erfolg zu verbinden, wurde zum Vorbild für die Gestaltung von Narrativen. Dieses Muster kultureller Manipulation folgt historisch konsistenten Prinzipien. Künstler und Bewegungen, die mit den Zielen der Geheimdienste übereinstimmen, werden massiv gefördert, während echter Widerstand unterdrückt oder eliminiert wird. Das tragische Schicksal von Persönlichkeiten wie Phil Ochs und John Lennon, die aufgrund ihrer direkten Herausforderung der Staatsmacht vom FBI überwacht wurden, steht in starkem Kontrast zu den Karrieren jener, die ihren Widerstand in konventionellerem Rahmen auslebten«, so der Blogger Joshua Stylman am 20. Dezember 2024 in einem Text über David McGowans Buch.


Die in den 80ern entstandene Hip-Hop-Kultur wurde übrigens Opfer ähnlicher Vorgänge. Denn auch bei dieser Musikrichtung handelte es sich ursprünglich um eine Form von vertontem Protest gegen rassistische Herrschaftsstrukturen, die aufgrund ihres kommerziellen Erfolges von CIA und FBI unterwandert, korrumpiert, eingehegt und zum Ausbau der US-Gefängnisindustrie genutzt wurde. Empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang die Arbeit des Autors John Potash, mit dem ich im November 2023 über dieses Thema gesprochen habe, weil er in seinen Büchern unter anderem die fragwürdigen Umstände von Tupac Shakurs, Jimi Hendrix‘ und Kurt Cobains Tod untersucht.


Aus diesem Blickwinkel betrachtet, macht die »Todesliste von Laurel Canyon«, die in McGowans Buch ein ganzes Kapitel umfasst, besonders nachdenklich: Christine Hinton, Freundin von David Crosby und Gründerin des Byrds-Fanclubs. Alan Wilson, Sänger und Gitarrist von Canned Heat. Jimi Hendrix. Jim Morrison. Brandon DeWilde, ein weiter Freund von David Crosby. Christine Frka, Hausdame bei Frank Zappa. Danny Whitten, Sänger und Gitarrist bei Neil Youngs Band Crazy Horse. Bruce Berry, Roadie bei Crosby, Stills, Nash & Young. Clarence White, Gitarrist bei den Byrds. Gram Parsons, der Gitarre bei den Byrds, den Flying Burrito Brothers und der International Submarine Band spielte. Tim Buckley, der bei Zappas Label unter Vertrag stand. Bobby Fuller, Gary Hinman, Janis Joplin, Duane Allman, Berry Oakley und Gary Thain von Uriah Heep. Tommy Bolin von Deep Purple. Phil King von Blue Öyster Cult. Ronald McKernan, Gründungsmitglied von Grateful Dead. Graham Bond. Peter Ham. Phil Ochs oder auch Rory Storm, Gründer von Rory Storm and The Hurricanes, Ringo Starrs erster Band vor den Beatles, dessen Schwester mit George Harrison und Paul McCartney ausging. Sie alle und viele, viele andere starben. Oft auf mysteriöse Weise. Storm zum Beispiel soll Selbstmord begangen haben. Im Haus seiner Eltern – und am gleichen Tag wie seine Mutter, die von der Polizei in einem anderen Raum des Hauses gefunden wurde. Dazu Jane Doe, Marina Elizabeth Habe, »Mama« Cass Elliot, Judee Lynn Sill, Phyllis Major Browne, Amy Gossage mitsamt Schwester und Mutter sowie viele andere Frauen (und Mädchen), die auf ungeklärte Weise starben, brutal ermordet, halbnackt im Unterholz von Laurel Canyon gefunden oder als nicht identifizierte Leiche begraben wurden.


Ein Name, den man noch heute mit einem brutalen Massenmord 15 Autominuten entfernt von Laurel Canyon in Verbindung bringt, ist Charles Manson. Der Gründer der Manson Family wurde 1934 in Kentucky geboren und saß bereits 1951 das erste Mal im Gefängnis, wo er denn auch die Hälfte seiner ersten 32 Lebensjahre verbringen sollte. Nach einer neuerlichen Entlassung zog er 1967 zunächst nach Berkely bei San Francisco, wo er an der Haight Ashbury Free Medical Clinic (HAFMC) auf den Bewährungshelfer und Doktoranden Roger Smith traf, der mit Geldern von NIH und CIA die Wirkung von LSD und Amphetaminen auf die Gegenkultur im Hippie-Viertel erforschte. Sprich: MK ULTRA. Experimente, an denen ab diesem Zeitpunkt auch Manson und seine Anhänger teilnahmen. 1968 zog Manson mit seinem Clan nach Los Angeles, wo er Bekanntschaft mit Dennis Wilson von den Beach Boys machte. Zwischen den beiden Männern entwickelte sich rasch eine freundschaftliche Beziehung, was dazu führte, dass Manson mit einer Horde weiblicher Anhänger in Wilsons Luxusbude Quartier bezog.


Dort schrieb Manson im Verlauf des Jahres 1968 mehrere Songs. Einen davon, »Cease to Exist«, nutzte Brian Wilson für die Beach Boys und veröffentlichte ihn unter dem Titel »Never Learn Not to Love« – ohne Manson als Autor zu nennen – obwohl er Manson zuvor bei einem Interview mit dem Rave Magazine als »Freund«, »echten Denker« und »Zauberer« mit »großartigen Ideen« bezeichnet hatte. Wilson attestierte seinem Mitbewohner, »singen, spielen und Poesie verfassen« zu können und wollte seinen neuen Buddy für das Label der Beach Boys unter Vertrag nehmen. Es dauert allerdings nicht lange, bis die Beziehung sich trübte. Denn die Manson Family nahm Wilsons gesamten Besitz in Beschlag. Villa, Kreditkarte, Kleidung – nichts war sicher. Selbst zehn von Wilsons goldenen Schallplatten wurden verkauft oder getauscht. Am Ende musste Wilson sein eigenes Haus verlassen, untertauchen und die Räumung des Anwesens seinem Management übertragen.


Auch Neil Young war geradezu begeistert von Manson, nannte ihn brillant und verglich ihn mit Bob Dylan. Gleiches gilt für »Papa« John Phillips und »Mama« Cass Elliot, die eine so enge Verbindung mit Manson pflegten, dass Roman Polanski, der 1978 selbst wegen sexuellen Missbrauchs eines 13-jährigen Mädchens verurteilt wurde, nach den Tate-LaBianca-Morden zunächst annahm, John Phillips hätte Sharon Tate und Co. ermordet. Als die Manson Family wegen der von ihrem Guru inspirierten Mordserie vor Gericht stand, waren Phillips und Elliot zunächst sogar als Zeugen geladen – konnten sich dann aber irgendwie aus der Affäre stehlen, bevor die Öffentlichkeit Wind davon bekam.

Manson, der 2017 im Gefängnis starb, tauchte damals also praktisch aus dem Nichts auf, war aber sehr schnell sehr gut vernetzt. Unter anderem, weil er dank der CIA Zugang zu Unmengen von LSD hatte. Die Bands im und um den Laurel Canyon begegneten ihm auf Augenhöhe, gewährten ihm Zugang zum inneren Kreis und sahen ihn als Inspiration. Das machte Manson zum perfekten Kandidaten für einen MK-ULTRA-induzierten Amoklauf, der das öffentliche Bild der Hippie-Bewegung für immer ruinieren sollte. Beweise dafür gibt es natürlich keine – eine Vielzahl von Indizien allerdings schon.


Résumé


Während die Beatles sich noch organisch entwickelten und im Star Club Hamburg Bühnenerfahrung sammeln konnten, bevor sie, wissentlich oder unwissentlich, zum Zündfunken der »British Invasion« (gemacht) wurden, scheinen viele Laurel-Canyon-Bands ein Retorten-Produkt zu sein, das in und von Lookout Mountain entwickelt wurde. Zu einem ganz bestimmten Zweck. Während John Lennon und Paul McCartney in einem Interview mit der BBC 1966 selbst zugaben, Hilfestellung von Produzenten erhalten und sich hin und wieder an wenig bekannten Stücken bedient zu haben, scheinen Bands wie The Byrds von Beginn an komplett fremdgesteuert worden zu sein.


Dass Eric Landsdown Trist mit seinem Sohn Alan, der Grateful Dead zusammenbringen und managen sollte, nach seiner Arbeit für Tavistock in London 1966 nach Los Angeles zog und sich nach Aussage von Alan vor allem »für Kunst interessierte«, deutet daraufhin, dass AKRI und Esalen als Tavistock-Ableger nicht ganz zufällig eine Schlüsselrolle bei der Beeinflussung der Hippie-Bewegung einnahmen. Und dass Charles Manson mit seiner entrückten Gefolgschaft an den MK-ULTRA-Experimenten der mit diesen Instituten assoziierten CIA teilnahm, macht dessen destruktive Rolle umso verdächtiger. Denn Mansons Mob richtete 1969 nicht nur Menschen hin, sondern zerstörte auch das öffentliche Bild der bis dahin als Antikriegsinitiative wahrgenommenen Hippie-Bewegung.


Diesbezüglich führt David McGowan in seinem Buch übrigens an, dass vor den Antikriegsprotesten der Hippies bereits eine entsprechende Widerstandsbewegung konservativer Kreise an den amerikanischen Universitäten entstand, dass diese aber von den plötzlich auftauchenden und wenig seriös wirkenden Blumenkindern in den Hintergrund gedrängt wurde. McGowan argumentiert daher, dass die Beatniks Statisten eines Social-Engineering-Projekts waren, das die Proteste gegen den Vietnamkrieg in ein drogeninduziertes Koma versetzen sollte – und die Geschichte gibt ihm Recht. Denn wie schon der Kybernetiker Stafford Beer feststellte: »Der Zweck eines Systems ist das, was es tut«.


Und was dieses System tut, ist beileibe kein Geheimnis mehr: Mit dem Ersten Weltkrieg professionalisierte sich die systematische Zusammenarbeit von Massenmedien und angloamerikanischen Geheimdiensten. Vor und nach dem Zweiten Weltkrieg formalisierte das OSS die entsprechenden Institutionen und Prozesse. In den 50ern infiltrierte die CIA mit »Operation Mockingbird« Redaktionen und Sendeanstalten, um künftig direkt Einfluss nehmen zu können. Beschrieben wurde all das bereits in einem ausführlichen Artikel des Rolling Stone vom 20. Oktober 1977.


Heute erklärt das aus dieser Infiltration entstandene Entertainment Liaison Office (ELO) – das offizielle Bindeglied zwischen Geheimdiensten und Filmindustrie – auf der Webseite des US-Kriegsministeriums völlig ungeniert, dass »das Verteidigungsministerium eine langjährige Beziehung zu Hollywood unterhält«. »Tatsächlich arbeitet es schon seit fast 100 Jahren mit Filmemachern zusammen«, so das ELO. Nicht umsonst führte Edward Bernays bereits in seinem 1928 erschienenen Buch Propaganda an, dass »der amerikanische Film der größte unbewusste Propagandaträger der Welt ist«. Und das gilt in Folge natürlich auch für Populärmusik und deren Peripherieprodukte.


Nun kann man diese Zusammenhänge, Hintergründe und Ereignisse natürlich auch einfach abtun und als Zufall oder organische Entwicklung interpretieren – oder es hat eben doch sinistrere Gründe, warum intellektuelle Rohrkrepierer wie »Ikkimel« beim ZDF-Morgenmagazin auftreten, vor Kindern über Anzüglichkeiten sprechen und mit ihren talentfreien Fremdscham-Fabrikaten den kläglichen Rest an Kultur malträtieren dürfen, der uns noch geblieben ist.





Titelbild: rp

Foto Jim & George S. Morrison (1964): Wikimedia Commons

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