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Was ist Freiheit?
Ein Essay zum Thema Freiheit, das ich Anfang des Jahres für die fünfte, im Mai veröffentlichte Ausgabe des EINUNDZWANZIG-Magazins geschrieben habe.
Was ist Freiheit? Eine Frage, die viele Zeitgenossen mit technischen Lösungen, dezentralen Systemen oder neuen Transaktions- und Kommunikationsprozessen beantworten. Was so auf den ersten Blick als Lösung erscheint, ist allerdings kaum mehr als Symptombehandlung. Denn die entscheidende Schlacht um unsere Freiheit findet in den Köpfen statt – und dort herrschen längst jene Dritte, die man zu entmachten sucht.
Tom-Oliver Regenauer | 10.01.2026
Erst als es knapp eine Armlänge über meinem Kopf laut raschelte und ich nach einem reflexartigen Blick gen Firmament zwei kleine Affen sah, die mich neugierig anschauten, wurde mir bewusst, dass ich endlich angekommen war. Nach knapp 36 Stunden Anreise vom anderen Ende der Welt, mehreren Zwischenstopps, dem Verlust jeglichen Gefühls für die eigene Zeitzone, einer Ankunft weit nach Anbruch der Dunkelheit und einer Autopanne auf dem Weg zur Unterkunft kann das manchmal etwas dauern. Aber da saß ich nun – in Mombasa. Südafrika. Bei drückender Schwüle und fahl flackerndem Kerzenlicht, kurz nach Mitternacht, auf der winzigen Terrasse meiner kleinen Hütte, mit einem sich rasch erwärmenden, Kondenswasser schwitzenden und etwas schal schmeckenden Bier in der Hand. Das Meer war mangels Mondlicht nicht zu sehen, aber man konnte das Rauschen der wohl weniger als 100 Meter entfernten Brandung hören.
Leider versuchte aber auch die klapprige Klimaanlage meiner Behausung regelmäßig, sich durch lautstarke Inbetriebnahme der um die Ecke platzierten Lüftereinheit Gehör zu verschaffen. Die beiden Meerkatzen, die geduldig auf dem untersten, blattlosen Ast des kleinen Bäumchens vor meiner Bude saßen, schien das nicht zu stören. Hätte ich meinen Arm ausgestreckt, hätte ich sie anfassen, ihre wilde Welt berühren können. Zumindest für einen Moment. Aber das ist dumm – und ich hielt mich zurück. Wachsam beäugten sie abwechselnd mich, die nähere Umgebung, den kleinen Beistelltisch und dann wieder ihr gegenüber. Nachdem auch ich meine beiden Besucher eine Weile im Auge behalten hatte, um sicherzustellen, dass sie nicht zudringlich werden oder irgendwelchen Blödsinn anstellen, senkte ich den Blick wieder in Richtung Ozean. Auf dieses kleine, weißgelbe Licht am Horizont, das mir zuvor schon aufgefallen war – ein Fischerboot vermutlich – und genoss das Gefühl, ungewohnt tierischen Besuch zu haben. So saßen wir drei eine ganze Weile da. Ich nippte an der nunmehr auf Außentemperatur erwärmten Flasche, ließ die Gedanken schweifen, die Schwerkraft ihre Arbeit verrichten und war zufrieden. Vielleicht sogar glücklich.
Kurz vor zwei wachte ich auf. Das kleine Licht am Horizont war zwischenzeitlich verschwunden, die Bierflasche warm und trocken – und glücklicherweise auch schon leer, weil der Winkel, in dem ich sie, auf dem Oberschenkel abgestellt, festhielt, nicht mehr 90, sondern 200 Grad betrug und der Rest der warmen Brühe ausgelaufen war. Die Affen hatten ebenfalls das Weite – oder einfach etwas Interessanteres gesucht, als einen erschöpften Homo sapiens ohne Essen, dem die Augen im Sitzen zufallen. Ich raffte mich auf und schleppte mich in die Hütte, wo es trotz der verlässlich ratternden und nicht regulierbaren Klimaanlage fast genauso heiß und feucht war wie draußen. Jedes T-Shirt fühlte sich an, als hätte man es zu früh aus dem Trockner genommen. Aber es war ja nur für eine Nacht. Und die sollte in knapp drei Stunden schon wieder zu Ende sein. Denn um 5:30 Uhr war Abflug. Schon wieder. Mit einer alten Beechcraft E90 King Air. Ans eigentliche Ziel. In die Wildnis.
Trotz akutem Schlafdefizit wurde es einer der schönste Flüge meines Lebens. Die Landschaft unter mir war atemberaubend. Und das Flugzeug für mich als angehenden Freizeitpiloten ein Erlebnis. Als der mit weißem Hemd, schwarzer Krawatte und Ray Ban ausstaffierte Kapitän die Maschine nach diversen Zwischenlandungen zum Be- und Entladen endlich auf dem sandigen Airstrip neben ein paar Zelten aufsetzte, konnte ich es trotz vor Müdigkeit brennender Augen kaum erwarten, die Gegend zu erkunden.
Zuerst führte man mich allerdings zu meinem Zelt, wo ich endlich ein paar Stunden Zeit hatte, um zu realisieren, wo ich war. Nachdem ich ausgepackt hatte, setzte ich mich erschöpft auf den Klappstuhl vor dem mit Moskitonetzen abgehängten Eingang. Ein paar hundert Meter entfernt standen ein paar Giraffen, die Blätter von den Büschen zupften. Um und auf einem der wenigen großen Bäume in der Umgebung hatte eine Horde Paviane Quartier bezogen. Daneben lagen ein paar Wasserbüffel im Schatten. In der Ferne zogen Massen von Zebras, Gnus, Gazellen und Antilopen ihre Bahnen. Und rechter Hand, einen Steinwurf entfernt, in der braunen Strömung des Maraflusses, dümpelte eine Gruppe Nilpferde im Wasser, um der sengenden Mittagssonne Paroli zu bieten. Es war beeindruckend. Vollkommen. Kaum in Worte zu fassen. So unglaublich schön. Ein Moment, so erfüllend, dass mir die Tränen kamen.
Nun erzähle ich natürlich nicht von dieser Reise, um bei den Planungen für den Sommerurlaub zu helfen, sondern weil ich den Besuch der Masai Mara als persönliche Zäsur empfand. Als Wendepunkt. Denn es war das erste Mal im Leben, dass ich mich wirklich frei fühlte. Frei von allem. Es gab keine Straßen, kein Telefon, kein Internet, keine Post, keine Termine und keinen Lärm. Keine Zivilisation. Es spielte keine Rolle, was in den Social-Media-Trends rotiert oder welcher Wochentag gerade ist. Ich hatte es ohnehin schon vergessen. Es gab nur Sonne und Mond, Tag und Nacht, mich, mein Zelt, ein paar Klamotten und Bücher und dieses winzige Camp Nahe in der Grenzregion von Tansania und Uganda – und die Natur. Hier zählte nicht, was man ist, hat oder will, sondern was man weiß und was man kann.
Und genau diese Erkenntnis lässt sich auf unser Leben im vermeintlich zivilisierten Wertewesten übertragen, wo »zivilisiert« im Kern für Einschränkungen steht. Für staatliche Einschränkungen. Für soziale Normen. Das Gemeinwohl. Denn was uns Westlern in afrikanischen Ländern, Südamerika und weniger entwickelten Regionen Asiens als chaotisch erscheint, ist oft einfach nur das Leben. Ein Leben, das in Anbetracht der jeweiligen wirtschaftlichen Verhältnisse sehr viel einfacher geführt wird – werden muss – als in unseren Breiten.
Wir sind es gewohnt, dass Dinge funktionieren, dass alles irgendwie bequem zu erledigen ist oder für uns erledigt wird, dass Essen im Kühlschrank, Elektrizität vorhanden, eine Apotheke in der Nähe und kein wildes Getier im Haus ist. Wir haben nämlich keinerlei Bezug mehr dazu, was Leben bedeutet. Woher soll dieser Bezug auch kommen, wenn man einen Grossteil seiner Freizeit in Bildschirme starrt und Erfolg am Kontostand bemisst – und besagter Erfolg das Selbstwertgefühl bestimmt. Wir haben schlicht keine Ahnung vom Leben.
Wie viele Zeitgenossen kennen Sie, werter Leser, die ohne Kompass die Himmelsrichtung bestimmen, Wasser in einem ausgetrockneten Flussbett finden, Feuer ohne Feuerzeug machen, eine Wildfalle bauen oder den verstopften Vergaser eines in die Jahre gekommen Willys ausbauen und reinigen können? Viele werden es nicht sein. Und das ist ein Problem. Denn auch in der zivilisierten Welt ist Bildung – gleich nach der Zeit, auf die man allerdings wenig Einfluss hat – die wichtigste Ressource. Umso bedrohlicher also der Umstand, dass der zerebrale Arbeitsspeicher des Homo sapiens seit der flächendeckenden Einführung des Smartphones im Jahr 2007 biologisch messbar um knapp ein Drittel abgenommen hat. Was ein Jahrzehnt »Künstliche Intelligenz« (KI) mit den kognitiven Fähigkeiten unserer Spezies anrichten wird, zeichnet sich schon heute ab. Nicht von ungefähr sprechen Wissenschaftler des Massachusetts Institute of Technology (MIT) schon jetzt von einer »Ära des Analphabetentums«. Davon, dass die Amerikaner »die Fähigkeit, zu denken verlieren«.
»Die Gedanken sind frei«, so ein oft bemühtes Sprichwort. Das stimmt. Allerdings muss man dazu erst einmal welche haben. Das, was die meisten Menschen als eigene Gedanken beschreiben würden, sind aber meist keine. Denn praktisch alles, was der »moderne«, fortschreitend degenerierte Hominide denkt, bespricht, unterstützt, kritisiert oder bekämpft stammt aus dritter Hand. Originäre Gedanken, die auf eigener Recherche, auf Erfahrungen und selbstständiger Erkenntnis beruhen, hat nur noch ein Bruchteil der Bevölkerung.
Will man also definieren, was Freiheit bedeutet, muss man zunächst einmal eruieren, was Max Mustermann darunter versteht. Und das ist selten viel. Denn Freiheit bedeutet nicht, dass man auf einer Social-Engineering-Plattform etwas »Kontroverses« posten, Zensur mit VPNs und Nostr-Relays umgehen oder jemandem dank Blockchain-Protokoll ein paar Nullen und Einsen schicken kann. Freiheit bedeutet, die »souveräne Autonomie des Individuums« (Friedrich Nietzsche) zu verstehen und zu leben. Freiheit bedeutet, Verantwortung für die drei Domänen zu übernehmen, die man selbst kontrollieren und ausbauen kann: Bildung, Prinzipientreue und Wirkungsgrad. Dazu benötigt man weder einen Computer noch ein gut gefülltes Konto (oder Wallet) – sondern einen freien Willen. Und den spreche ich den meisten Artgenossen mittlerweile schlichtweg ab.
Ähnlich scheint es auch Twitter-Gründer Jack Dorsey zu gehen, der beim 16. Oslo Freedom Forum Anfang Juni 2024 sagte, dass »die Debatte um Meinungsfreiheit im Moment bloße Ablenkung ist« und »die eigentliche Debatte« sich um »Fragen des freien Willens« drehen müsste. Zu Recht. Denn nicht nur die NATO zeigt auf der Webseite ihres euphemistisch betitelten »Innovation Hub«, dass nicht mehr kinetische, sondern kognitive Kriegsführung im Fokus steht. Also der Krieg gegen das freie Denken.
Dass es dabei nicht um Links gegen Rechts, Ost gegen West, BRICS gegen EU oder Kapitalismus gegen Sozialismus geht, erkennt jeder, der sich mit der Geschichte und den Programmen der Vereinten Nationen (UN) beschäftigt. Ob »Our Common Agenda«, »Pact for the Future«, »Pandemic Prepardness« oder »Global Digital Compact« – alle 193 Mitgliedsstaaten haben diese Abkommen ratifiziert. Sie alle rollen digitale Identitäten, biometrische Vollzeitüberwachung und Kryptowährungen aus. Deutschland, Russland, Amerika, China. Oasen gibt es keine.
Ausnahmen schon: Nordkorea, ein paar arabische Enklaven und North Sentinel Island. Dort will – oder kann man aber nicht leben. So ist folglich auch jegliche Diskussion um Vor- oder Nachteile einer »multipolaren Weltordnung«, um Kapitalismus oder Sozialismus nicht weniger Empörungsmanagement und Ablenkungsmanöver als ein Polit-Talk bei der ARD. Denn die Ziele der Prädatorenkaste sind Kollektivismus und Konformismus. Unter welchem politischen Label diese firmieren, interessiert in den Elfenbeintürmen der Macht niemanden.
Die »Global Governance« hat den Nationalstaat längst hinter sich gelassen. Tonangebend sind der digital-finanzielle und der militärisch-industrielle Komplex. Sprich, Bankenkartelle und Vermögensverwalter, Geheimdienste, die von ihnen gegründeten oder korrumpierten Konzerne und deren Erfüllungsgehilfen in Think Tanks, Stiftungen, NGOs und staatsnahen Propaganda-Outlets.
Vor diesem Hintergrund ist es also durchaus verständlich und zu begrüßen, dass viele obrigkeitskritische Mitmenschen sich nach dezentralen Lösungen sehnen. Nach Peer-2-Peer-Systemen, einem offenen Geldmarkt ohne staatliches Monopol, zensurresistenten Medien und einer selbstbestimmten Zukunft. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Menschen wieder selbst bestimmen, wie diese Zukunft aussehen soll. Dem nächstbesten, von Algorithmen servierten Medium, Narrativ, Experten, Guru, Meme-Coin, Influencer oder Hoffnungsträger hinterherzulaufen ist das exakte Gegenteil davon. Denn glauben ist nicht wissen. Und Wissen ist mit Arbeit verbunden. Mit Eigeninitiative.
Nein, wir »Zivilisierte« sind alles andere als frei. Auch wenn manch ein gewiefter »Hacker« oder Krypto-Nerd sich einbildet, das System austricksen zu können. Wer einen Internetzugang und einen Bildschirms braucht, um frei zu sein, der ist es nicht. Die meisten Menschen verstehen nicht einmal, was Freiheit ist, weil sie diese nie sehen, fühlen, geschweige denn erfahren durften. Genau wie ich – bis ich Afrika, die Masai Mara und das Enkang (Dorf) der halbnomadisch lebenden Familie von »Jonathan«, meinem einheimischen, rot gewandeten Reisebegleiter besuchen durfte. Bis ich die Zivilisation zumindest für eine Weile nahezu komplett hinter mir lassen und die Welt so sehen konnte, wie sie einmal war.
Obwohl ich seit meiner Kindheit gegen den Strom geschwommen und trotz Bestnoten von der Schule geflogen bin, obwohl ich seit über drei Jahrzehnten recherchiere, noch nie in meinem Leben gewählt und mich nur dann an Regeln gehalten habe, wenn diese für mich logisch schienen, obwohl ich immer nur das getan habe, was ich wollte und schon eine Vielzahl entlegener Orte besucht habe, habe ich erst auf dem Klappstuhl vor meinem Zelt in der Masai Mara verstanden, was wirkliche Freiheit ist.
Die Zivilisation lebt in einem Gefängnis, das sie nicht sieht. Eingeschnürt von einem Korsett aus Verträgen, Normen, Vorschriften, Glaubenskonstrukten, Hypotheken, Verpflichtungen, Plattformen, Prozessen, Hoffnungen, Genehmigungen und Gebühren. Kastriert, manipuliert und degeneriert von Dingen, die mit Leben und Freiheit absolut nichts zu tun haben.
Ein Gutes hat die »Polykrise« allerdings: Nachdem Covid-1984 bereits einen veritablen Vorgeschmack darauf bot, was uns im digital-korporatistischen Nachhaltigkeitsgulag der Agenda 2030 erwartet – die meisten haben bei diesem Intelligenztest leider kläglich versagt – wird jeder von uns in den kommenden Jahren noch einmal die Chance bekommen, unter Beweis zu stellen, was für ein Mensch er wirklich ist. Zum ersten oder zum letzten Mal.
Wer tief in sich hineinhört, wer sich nicht selbst belügen und verbissen an Strohhalme falscher Hoffnungen, wackliger Alternativen und materieller Erfolge klammern muss, um sich und sein Dasein zu ertragen, weiß das alles längst.
Bleibt also die Frage, was man aus diesem Wissen macht – in der realen, der analogen Welt. Diesem zunehmend fremd wirkenden Raum hinter dem Bildschirm. Denn darauf bezieht sich das Verb »machen«. Und nur dort lässt sich eine freiheitliche Zukunft gestalten. Das war schon immer so. Und es hat sich auch mit der Weiterentwicklung des ARPANET zur alles bestimmenden Plattformökonomie nicht geändert.
Das einzige Asset, in das man hemmungslos investieren sollte, ist demnach die eigene Person. Die kognitive Souveränität. Denn »das Glück ist mit jenen, die sich selbst genügen«. Das ist aber nicht umsonst eine der schwersten Aufgaben des Menschen.
Titelbild:
Wander X Designs




