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Nexus Neurotech

Transhumanismus assoziiert man allgemein mit der Optimierung des Körpers durch maschinelle Elemente. Aber es geht auch andersrum. Denn »neuromorphe Informatik« und »organoide Intelligenz« bedienen sich mittlerweile menschlicher Zellen, um Maschinen zu verbessern. 




Tom-Oliver Regenauer | 31.10.2026



Die englische Sprache hat gemäß diverser Quellen mit geschätzten 615.000 bis 700.000 aktiv gesprochenen Wörtern den größten Wortschatz. Unter anderem, weil Englisch auf der ganzen Welt verbreitet ist, in allen möglichen Fach- und Themenbereichen eingesetzt wird und der Wortschatz durch Absorption von circa 5.400 neuen Wörtern aus anderen Sprachen kontinuierlich wächst. Ungeachtet dieser semantischen Vielfalt, lieben vor allem die Amerikaner Abkürzungen. Eine davon ist »NPC«, was für »Non-Playable Character« steht – ein Akronym aus der Welt der Videospiele, das sich auf Figuren bezieht, die nicht vom Menschen, sondern dem Computer gesteuert werden. Der Begriff befand sich 2023 in den »Top 10« der Langenscheidt-Liste der Jugendwörter des Jahres. Aus gutem Grund.


Denn als NPC bezeichnet man Menschen, die von den intellektuellen Herausforderungen ihrer Umwelt überfordert sind und diese daher unbewusst, blind, ignorant und auf Basis stumpfer Routinen sowie geistiger Abwesenheit erleben. Leute, die ins Smartphone starren, während sie mit dem Fahrrad durch die Fußgängerzone fahren. Kognitiv degenerierte Artgenossen, die trotz ihrer augenscheinlichen Beeinträchtigung einen Habitus arroganter Informiertheit an den Tag legen, weil sie noch nie vom Dunning-Kruger-Effekt gehört haben. Vereinfacht gesagt: Idioten. So abwertend das klingen mag, so deutlich wird mittlerweile, dass die Anzahl der NPC rasant zunimmt. Der Degenerationsindustrie sei Dank.


Während der Mensch seine kognitiven Fähigkeiten zusehends einbüßt, werden jene biologischen Bausteine, die seinem Gehirn das Denken erst ermöglichen – Neuronen (Nervenzellen) – nun außerhalb des menschlichen Körpers in Laboren gezüchtet, um Maschinen schneller »denken« zu lassen. Während der NPC kaum noch den Weg nach Hause findet ohne Google Maps zu benutzen, lernen seine synthetisch reproduzierten Gehirnzellen, Computer zu spielen. Ganz ohne ihn.


Bereits am 14. Oktober 2022 berichtete npr, dass 800.000 in einer Petrischale gezüchtete Gehirnzellen im Begriff sind, zu lernen, das in den 1970ern programmierte Computerspiel Pong zu spielen, eine verhältnismäßig simple Ping-Pong-Simulation. Nur vier Jahre später, am 25. Februar 2026, veröffentlichte das Unternehmen Cortical Labs ein Video, in dem ein gewisser Dr. Alan Loeffler erklärt und zeigt, wie »lebende menschliche Gehirnzellen« DOOM spielen, ein vergleichsweise hochkomplexes Ballerspiel.


Bei Cortical Labs handelt es sich um eine 2019 in Australien gegründete Firma, die mit dem CL1 im Jahr 2025 den ersten biologischen Computer auf den Markt brachte. Nachdem das Start-up 2019 bereits 1,56 Millionen US-Dollar an Investorengeldern einsammeln konnte, spülte eine Finanzierungsrunde im April 2025 weitere zehn Millionen in die Kassen. Unter anderem von In-Q-Tel, dem Investment-Vehikel der CIA.


Alan Loeffler spezialisierte sich gemäß seiner Vita auf »synthetische biologische Intelligenz« und trägt einen PhD der University of Sydney im Fachbereich Neuromorphing. »Ziel des Neuromorphing ist die Simulation und Nachbildung von Sinnesorganen (...) und sogar Teilen des Gehirns. Langfristig soll dies Implantaten ermöglichen, die entsprechenden Organe (...) bestmöglich zu ersetzen«. Dazu schaffen Loeffler und Kollegen Nano-Kabel-Netzwerke auf Basis von Silber und trainieren die daran angeschlossenen Neuronen.


Analysten von Gartner und PwC prognostizieren seit 2023, dass »neuromorphe Informatik« zu den bestimmenden Technologien der näheren Zukunft gehört, weil sie als Wachstumsbeschleuniger für Künstliche Intelligenz dient. Bei IBM erklärt man diesbezüglich, dass Wetware-Computer, also Maschinen, die sich für ihre Rechenprozesse lebender Zellen bedienen, den Weg in Richtung »künstlicher Superintelligenz« ebnen könnten. Zudem liefen bereits Experimente, die neuromorphe Informatik mit Quanteninformatik kombinieren, so IBM. Ein entsprechendes Projekt der Europäischen Kommission lief vom 1. Juni 2019 bis 28. Februar 2023. Als primäre Anwendungsgebiete für diese neue Technologie nennt IBM zum Beispiel autonomes Fahren, Cybersicherheit, das »Internet of Things« (IoT) und Robotik.


Genau diese Themen stehen auf der Agenda der ersten internationalen Konferenz zu »organoider Intelligenz«, die vom 26. bis 27. Oktober 2026 in Washington stattfand und von Unternehmen wie Cortical Labs, 28bio, Zeiss, Maxwell Biosystems, Stemcell Technologies oder Promega gesponsert wurde. Das Organisationskomittee der Veranstaltung speist sich in weiten Teilen aus dem Dunstkreis der Johns Hopkins Universität. Was der Chemiker und Nano-Techniker Charles M. Lieber 2011 im Harvard Magazine ankündigte – Transistoren von der Größe eines Virus – ist heute Realität. Gleiches gilt für das, was ein Artikel des Guardian am 24. März 2016 beschrieb: »Eine geniale neue Methode nutzt ein magnetisiertes Protein, um Gehirnzellen schnell, reversibel und nicht-invasiv zu aktivieren« und »das Gehirn und Verhalten« des Menschen »aus der Ferne zu steuern«.


Die von Warren Buffets 387.000-Mitarbeiter-Konglomerat Berkshire Hathaway finanzierte Publikation Business Wire berichtete am 15. Mai 2024, dass das in Vevey (Schweiz) ansässige Bio-Computer-Start-up FinalSpark eine erste »Remote-Forschungsplattform geschaffen hat, die menschliche Neuronen für Bio-Computing nutzt«. Der Homepage von FinalSpark lässt sich entnehmen, dass das Unternehmen zwischenzeitlich 30 Terabyte an »neuronalen Aktivitätsdaten« aufgezeichnet hat.


Befassten sich in der Vergangenheit primär Labore mit »synthetischer Biologie«, ist diese nun auf dem Weg zum Endkunden. Unternehmen wie das 2015 gegründete Koniku »programmieren« über die »DNA-/nukleinsäurebasierte Anbindung von Neuronen an Elektroden« bereits jetzt »mit DNA«. Dazu werden die im Labor gezüchteten Nervenzellen in einer speziellen Sphäre aufbewahrt und bis zu zwei Jahre am Leben gehalten – womit auch die Kernfrage in Bezug auf dieses Thema aufgeworfen ist: Was bedeutet »leben« in diesem Kontext?


Während solch ethische Fragen von den entsprechenden Unternehmen gerne mit beschwichtigenden Phrasen abgetan werden, macht Konikus Webseite deutlich, welche Kunden ein besonderes Interesse an »Wetware« haben. Denn als prioritäre Einsatzgebiete führt Koniku »Sicherheit, militärische« und »agrarwirtschaftliche Anwendungen« an. Sprich, Big Tech, Militär, Geheimdienste und Lebensmittel-Monopolisten. So verwundert es kaum, dass Koniku 2025 Mitglied des Oracle Defense Ecosystem wurde und für Airbus unter dem Label »Konikore« Sensoren entwickelt, die »gentechnisch veränderte, lebende Zellen mit Geruchsrezeptoren« nutzen, »um Sprengstoffe und chemische Gefahren zu erkennen« und »Luftfahrt neu zu denken«.


Doch damit nicht genug. Ein Artikel des Tech-Magazins The Next Web berichtete am 20. August 2026, dass ein in Singapur angesiedeltes Rechenzentrum bereits einen ganzer Server-Schrank auf Basis von Neuronen betreibt. Wenige Tage zuvor, am 15. August 2026, erklärte The Straits Times, dass die Labortechniker des von Cortical Labs initiierten Rechenzentrums die Gehirnzellen alle drei Tage »mit einem Cocktail aus Zucker, Mikronährstoffen und pH-Puffern« füttern. »Ein Gasmischer pumpt Kohlendioxid, Sauerstoff und Stickstoff hinein und schafft so ein spezielles Lebenserhaltungssystem«. In Melbourne (Australien) läuft seit Anfang diesen Jahres ebenfalls ein von Cortical Labs geführtes Projekt, das »120 biologische Computer des Typs CL1« betreibt. Ein signifikanter Vorteil gegenüber herkömmlichen Rechenzentren, die auf Basis von Silizium-Chips operieren, sei der deutlich geringere Energieverbrauch von biologischen Computern, rechtfertigt das Unternehmen seine kontroversen Entwicklungen.


Auch in Deutschland laufen Projekte im Bereich neuromorphe Informatik. Diese nutzen aber zumindest bisher noch Silizium-Chips. So arbeitet das Forschungszentrum Jülich am Projekt NEUROTEC II, das »sogenannte Memristoren (von Memory, engl. Speicher, und Resistor, engl. elektrischer Widerstand)« entwickelt. Die »sind aufgebaut wie Synapsen, die die Signale im Gehirn zwischen den Nervenzellen übertragen. Über einen einstellbaren Wert für den elektrischen Widerstand bei der Signalübertragung können Informationen auf Memristoren gespeichert und zugleich verarbeitet werden. Der Clou: Diese innovativen Chips, die sich bis in den Nanobereich verkleinern lassen, können mit herkömmlicher Mikroelektronik zusammenarbeiten«. Das Bundesforschungsministerium fördert das Projekt bis Ende 2026 mit einem Betrag von 36,5 Millionen Euro.


An der Universität Leipzig entsteht »Europas leistungsstärkster neuromorpher Supercomputer (...), der bis zu 10 Milliarden Neuronen simulieren kann und bis zu 18-mal energieeffizienter ist als herkömmliche« Anlagen. Das Projekt NTC BRIGHT, das von einem Konsortium der TU Braunschweig und der Leibniz Universität Hannover geführt wird, entwickelt neuromorphe Computer, die mikroskopisch kleine LEDs statt Transistoren nutzen, um den Energieverbrauch von KI zu senken.


Über Wetware, biologische Computer und organoide Intelligenz spricht man aber auch in Europa seit Jahren – und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis Cortical Labs oder eine andere Firma bei uns die erste Sphäre mit menschlichen Gehirnzellen füttert. Siehe NEU-CHIP, ein am 1. September 2021 offiziell genehmigtes Konsortium für »biologische KI«, das mit knapp dreieinhalb Millionen Euro von der Europäischen Kommission finanziert wurde, »Partner-Institutionen aus Großbritannien, Frankreich, Spanien, der Schweiz und Israel« zusammenführte und bis 28. Februar 2025 lief. NEU-CHIP gehört zu EU-Programmen wie Horizon 2020 (2014-2020) und Horizon Europe (2021-2027), die zusammen stolze 173,5 Milliarden Euro kosten. Ziel dieser Investitionen ist es, »neuronale Netzwerke aus menschlichen kortikalen iPS-Zellen für die maschinelle Lernverarbeitung zu schaffen«.


Präziser: »Es werden Netzwerke aus Stammzellen, die der menschlichen Hirnrinde ähneln, auf Mikrochips entwickelt und kultiviert. Diese werden gentechnisch so verändert, dass sie durch spezielle Lichtquellen stimuliert werden können. Mithilfe komplexer 3D-Computermodellierung lassen sich Veränderungen der Zellen beobachten, um deren Anpassungsfähigkeit zu untersuchen. Dies bildet die ‚Plastizität‘ des menschlichen Gehirns nach, das in der Lage ist, sich schnell an neue Informationen anzupassen. Mithilfe dieser ‚Brain-on-a-Chip‘-Plattformtechnologie werden wir zeigen, wie sich menschliche Hirnstammzellen zur Lösung datenbasierter Probleme einsetzen lassen. Wir gehen davon aus, dass diese Arbeit den Grundstein für einen ‚Paradigmenwechsel‘ im Bereich des biologischen Rechnens (Biological Computing) und der Technologien für maschinelles Lernen legen wird«. 


Davon geht man auch in Washington aus, wie eine Executive Order von Joe Biden vom 12. September 2022 zeigt – eine »präsidentielle Anordnung zur Förderung von Innovationen in Biotechnologie und Bioproduktion für eine nachhaltige, sichere und geschützte amerikanische Bioökonomie«. Eine dieser Innovationen ist Projekt Stargate, ein Supercomputer ungekannten Umfangs, der den Energiebedarf einer US-Metropole hat und dessen hochkomplexe Konstruktion über 100 Milliarden Dollar verschlingen und nie dagewesene Ingenieursleistungen verlangen wird. Präsentiert wurde das Mammut-Projekt von Donald Trump, dem mutmaßlichen Vergewaltiger und Mord-Auftraggeber Sam Altman und CIA-Handlanger Larry Ellison, die zwei Tage nach Trumps Amtseinführung im Weißen Haus gemeinsam vor die Kameras traten.


Keine Frage, wir haben die ersten Stufen der »biodigitalen Konvergenz« erklommen. Doch in puncto ethischer Bedenken verweisen die Forscher und Unternehmen, die an organoider Intelligenz arbeiten, beharrlich darauf, dass das »Leben« der synthetisch hergestellten Gehirnzellen keines ist. Dass es weder Bewusstsein noch Reflexion oder Emotionen kennt und man sich »keine Sorgen« machen müsse. Dass es nicht das ist, was wir uns unter »Leben« vorstellen.


Mag sein. Aber erinnern kann es sich. Lernen und Computer spielen auch. Futter braucht es ebenfalls. Tot ist das Zeug in so einer CL1-Sphäre also nicht. Und eine »primitive Kapazität für Gefühle« hält der eine oder andere Wissenschaftler durchaus für möglich. Dieser Gedanke ist befremdlich, bedenklich und verstörend.


Transhumanismus hat viele Gesichter. Eine Facette ist die Optimierung des menschlichen Körpers durch Maschinen. Siehe Neuralink, die implantierbare Gehirn-Computer-Schnittstelle, die mittels Chip neuronale Signale aus bewegungssteuernden Hirnarealen liest und in digitale Befehle übersetzt. Laut Elon Musk soll das erste Produkt seines Unternehmens – Telepathy – Hochgeschwindigkeitskommunikation mit Computern mittels Gedanken und in der Zukunft möglicherweise Telepathie zwischen gechippten Personen ermöglichen. Diese Ansätze sind weithin bekannt. Das Produkt wird bereits am Menschen getestet. Aber Transhumanismus steht aber auch für die Optimierung von Maschinen durch menschliche Komponenten. Für den Homo sapiens in der Rolle des Ersatzteillieferanten. Des Organspenders. Oder als Schrottplatz – zum Ausschlachten. Und beide Wege demonstrieren genau den mangelnden Respekt vor menschlichem Leben, der die Eugenik schon in der Anfangszeit prägte.


Das ist die Gegenwart. Der Status quo. Der Mensch lagert seine Denkprozesse aus, an die KI, die auf Basis seiner eigenen Gehirnzellen Informationen verarbeitet, um ihm dann eine Antwort zu geben, die er selbst nicht mehr zu finden vermag. Wer ein perfektes Beispiel für die endgültige kognitive Kapitulation unserer Spezies vor ihren eigenen Erfindungen gesucht hat, hat es gerade gefunden.


»Echter Faschismus trägt keine schwarzen Uniformen – er verkauft Fortschritt.«


Das soll der italienische Poet, Autor und Filmemacher Pier Paolo Pasolini (1922-1975) einmal gesagt haben. Während dieses Zitat nicht belegt und lediglich ein Kondensat seiner tatsächlichen Aussagen ist, lohnt es sich gerade dieser Tage, Pasolinis Arbeiten zu studieren. Denn er durchschaute, für was die wertewestliche NATO-Demokratie steht. Er beschrieb das von den Christdemokraten geführte System der Nachkriegszeit als »Klerikalfaschismus«, der den Staat als repressives Instrument zum Machterhalt nutzt. Pasolini kritisierte Italiens Regierung für die Vertuschung von Bombenattentaten – Stichwort Operation Gladio – und ihre verdeckte Zusammenarbeit mit CIA und Militärs, die dazu dienen sollte, Kräfte des linken politischen Spektrums zu unterdrücken. Pasolini verurteilte die Konzern-Oligarchie, die wirtschaftliche Globalisierung und vertrat den Standpunkt, dass die zentralisierte Macht des Fernsehens einer neuen Form von Faschismus den Weg bereitet: Der Konsumgesellschaft.


Eine Gesellschaftsform, die in seinen Augen unweigerlich zur Erosion menschlicher Werte führt. Eine 1971 aufgezeichnete Diskussionssendung, in der Pasolini die Zensur solcher Themen anprangerte, wurde erst am 3. November 1975 ausgestrahlt – zu einem Zeitpunkt, da der Mann dem herrschenden System nicht mehr gefährlich werden konnte. Denn in der Nacht des 2. November 1975 wurde Pier Paolo Pasolini brutal ermordet. Sein misshandelter, in einer Blutlache liegender Körper, wurde am nächsten Morgen an Roms Stadtrand gefunden. Das Gesicht durch Schläge entstellt bis zur Unkenntlichkeit.


»Ich steige hinab in die Hölle und entdecke Dinge, die den Frieden anderer nicht stören. Aber passt auf. Diese Hölle ist auf dem Weg zu euch«, erklärte er einst einem Journalisten. Ein Artikel des Guardian vom 1. November 2025 widmete sich Pasolinis oft metaphorisch vorgetragener Systemkritik – und seinem tragischen Tod. Die Autorin des Beitrags, Olivia Laing, schreibt darin:


»Er erkannte die Zukunft, in der wir uns heute befinden, lange vor allen anderen. Er sah voraus, dass der Kapitalismus zu Faschismus verkommen würde – oder dass der Faschismus den Kapitalismus unterwandern und übernehmen würde –, und dass das, was harmlos und nützlich erschien, alte Lebensformen korrumpieren und zerstören würde. Er wusste, dass Konformismus und Komplizenschaft tödlich sind. Er warnte vor den ökologischen Kosten der Industrialisierung. Er ahnte voraus, wie das Fernsehen die Politik verändern würde – auch wenn er bereits verstorben war, bevor Silvio Berlusconi an die Macht kam.«


Auch auf sein blutiges Ableben geht Olivia Laing in ihrem Beitrag ein. Denn selbst einem Journalisten beim Guardian scheint es offenbar verdächtig, dass italienische Zeitungen nur wenige Stunden nach Pasolinis Tod ein Foto des 17-jährigen Mörders, eines »Strichjungen«, abdruckten und den Fall damit als gelöst darstellten.


»Pasolinis gesamtes Werk ist von der Tatsache – oder dem, was als solche erscheint – geprägt, dass er von einem männlichen Prostituierten ermordet wurde; ein Ereignis, das den Schlusspunkt eines konsequent risikoreichen Lebens bildete. Doch was, wenn genau dies die Absicht war, die perfide Gerissenheit, mit der sein Mord eingefädelt wurde? Was, wenn Pasolini nicht durch den schnellen Märtyrertod, etwa durch eine Kugel in den Kopf, ums Leben kam, sondern auf eine Weise, die den Anschein erweckte, er habe seinen eigenen Untergang geradezu gesucht? Ein zumindest in den Augen konservativer Kreise wohlverdientes Strafmaß für jene offenkundigen Perversionen, von denen sowohl sein künstlerisches Schaffen als auch sein Privatleben durchdrungen waren. Mehr noch: Was, wenn dieser Mord, der zugleich eine Vernichtung seines Rufs bedeutete, darauf abzielte, jene Warnungen zu übertönen, zu verfälschen oder zu entwerten, die er in den letzten Jahren seines kurzen Lebens mit wachsender Heftigkeit geäußert hatte?« 


Und genau das ist der Fall. Denn 29 Jahre nach dem brutalen Mord, im Mai 2005, zog der vermeintliche Täter, der damals 17-jährige Callboy Giuseppe Pelosi, sein Geständnis, das ihm neun Jahre Gefängnis einbrachte, zurück und erklärte, dass Pasolini von drei Männern ermordet wurde, die ihn unter Gewaltandrohungen gegenüber seiner Familie dazu zwangen, den Sündenbock zu spielen. Ein guter Freund von Pasolini, Sergio Citti, gab weiterhin an, dass man Pasolini einige Filmrollen gestohlen und ihn damit zu einem heimlichen Treffen für deren Auslöse und Übergabe nötigen wollte. Darüber hinaus fand Citti im Rahmen eigener Recherchen einen blutigen Stock – die Tatwaffe – und einen Augenzeugen, der sah, wie Pasolinis toter Körper von einer Gruppe Männern aus dem Auto gezogen wurde. Die Vermutung, dass der kritische Filmemacher von Gladio-Killern umgebracht wurde, liegt auf der Hand.


Denn »echter Faschismus trägt keine schwarzen Uniformen – er verkauft Fortschritt«. Er verspricht biologische Computer, neuromorphe Informatik, synthetisch-adaptive neuronale Aktivität in Sphären und ein technokratisches Utopia. Er preist Transhumanismus als Nexus zwischen humanen Defiziten und digitalen Kapazitäten. Und er ist tödlich. Für die Spezies Mensch und oft auch seine Kritiker.


Doch einen breiten gesellschaftlichen Diskurs zu diesem Thema gibt es nicht. Denn Manfred Mustermann – und ein Großteil der Medien – beschäftigt sich mit Entertainment, »PsyOps« auf Social Media, Wahlen, den Plattitüden eines austauschbaren Grüßaugust, mit Hass, Ängsten und Lastern – und die Regierung mit Propaganda, Krieg und Korruption. So, wie es schon immer war.







Titelbild: Koniku

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