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OHNE WORTE

Mein Vorwort für den heute erschienenen Bildband »OHNE WORTE« von Tina Ovalle. Weitere Informationen zum Buch und Links zur Bestellung finden sich auf www.regenauer.press.




Tom-Oliver Regenauer | 15.03.2026



»Ein Bild sagt mehr als tausend Worte«. Das gilt vor allem für eine Welt und eine Zeit, in der Worte nichts mehr sagen.


Viele Begriffe, mit denen wir einst ernsthafte Gedanken, reale Emotionen, konkrete Beschreibungen und authentische Absichtsäußerungen verbanden, sind durch ihre inflationäre Nutzung bedeutungslos geworden. Demokratie, Rechtsstaat, Nazi, Antisemit, Freiheit, Sicherheit, Frieden – die Liste ließe sich fast beliebig lange fortführen. Was dereinst Zustimmung, Ablehnung oder Wut auslöste, quittieren wir heute mit einem gleichgültigen Schulterzucken. Denn mit »Demokratie« verbindet der aufmerksame Beobachter schon lange nichts mehr Positives – und je öfter Ursula von der Leyen diesen Begriff benutzt, desto wertloser wird er. Auch eine Verunglimpfung als »Nazi« ringt den meisten nur noch ein müdes Lächeln ab, weil mittlerweile praktisch alles »Nazi« ist, was nicht mit den totalitären Umtrieben im Elfenbeinturm konform geht: Systemkritik, Datenschutz, physische Wertanlagen, Clown-Emojis, Polohemden oder der Dackel.


Aus diesem Grund versuche ich als Autor stets, Begriffe zu verwenden, die (noch) nicht von der Belanglosigkeit eingeholt wurden. Worte, die möglichst präzise beschreiben, was ich ausdrücken will. Das ist nicht immer einfach, gehört aber zu den Kernaufgaben all jener, die sich beruflich mit Schrift und Sprache befassen. Denn das geschriebene Wort ist zentrales Element des menschlichen Zusammenlebens. Wenn wir uns gegenseitig nicht mehr verstehen, weil Begriffe ihre Bedeutung verlieren oder verändern, ist die Gesellschaft dem Untergang geweiht. Denn Krieg ist nun mal Krieg und das Gegenteil von Frieden – auch wenn Politdarsteller sich dahingehend längst an George Orwells »1984« orientieren.


»Wenn das Denken die Sprache korrumpiert, korrumpiert die Sprache auch das Denken«, schrieb Orwell einmal – und griff damit den Entwicklungen der letzten Jahre voraus. Zwischenzeitlich haben wir dank Social Media, kognitiver Kriegsführung und KI tatsächlich ein Stadium erreicht, in dem Konversation schwerfällt. Nicht nur, weil man oft nicht mehr weiß, ob etwas real ist oder nicht, sondern auch und vor allem, weil immer mehr Begriffe unter dem Druck omnipräsenter Propaganda vaporisieren. Sie lösen sich auf. Werden schwammig. Zu Füllmaterial für Phrasen, denen niemand mehr zuhört. Denen niemand mehr zuhören will – oder kann.


Die weithin sichtbare, spürbare und längst auch auf das Miteinander wirkende mentale Überforderung des Einzelnen ist keine unerwünschte Nebenwirkung der Digitalisierung, sondern deren Strategie. Das gaben Big-Tech-Apologeten wie Sean Parker schon vor knapp einem Jahrzehnt vor laufenden Kameras zu. Geändert haben derlei Eingeständnisse leider nichts. Auch die Erkenntnis, dass uns das Smartphone seit seiner Einführung im Jahr 2007 circa ein Drittel der kognitiven »Rechenleistung« gekostet hat, hielt die Spezies Mensch nicht davon ab, sich dem Gerät zu unterwerfen. Im Gegenteil. Anstatt der künstlichen »Intelligenz« mit der gebotenen Vorsicht zu begegnen, weil diese noch verheerendere Effekte zeitigen wird als der Taschenspion es jemals konnte, werfen sich nun auch Künstler und kritische Geister willenlos in deren klebrige Tentakel. Mit jedem »Prompt« trainieren sie die Infrastruktur, die sie in Zukunft unterdrücken wird.

 

So gab der Streaming-Service »Deezer« im Januar 2026 an, dass auf der Plattform mittlerweile 60.000 vollständig mit KI generierte Songs hochgeladen werden – pro Tag. Das sind 39 Prozent aller Uploads. Medienportale machen aus irgendwelchen »Unterhaltungen« mit einem LLM (Large Language Model) ganze Sendeformate. Und Autoren Bücher. Selbst jene, die sich mit im Kern menschlichen Ausdrucksformen auseinandersetzen – Musiker, Autoren, Maler, Journalisten, Redakteure, Galeristen – scheinen nicht zu erkennen, dass die KI nicht denkt, nichts weiß, nichts generiert, nichts zugibt und nichts kann. Denn sie kann sich nur an dem bedienen, kann nur recyclen was der Mensch bereits geschaffen hat – und dann rearrangierte Projektionen dessen ausspucken, was der Nutzer hören will. Es ist ein trügerischer Spiegel. Unser »Endgegner« ist nicht mehr der Staat, der Kontrahent oder die Konkurrenz, sondern ein Button, auf dem »Generieren« steht.


Im Lichte dieser Entwicklungen erscheint es mir dieser Tage besonders wichtig, handgemachte Kunst zu fördern. Musiker, die Instrumente spielen, Autoren, die selbstständig recherchieren und schreiben und Maler, die noch mit Stift und Papier zu Werke gehen. Genau aus diesem Grund freue ich mich, den vorliegenden Sammelband mit einem Vorwort einleiten zu dürfen.


Denn Tina Ovalle ist Künstlerin mit Leib und Seele. Ihr Arbeitszimmer gleicht einem Labor. Farben, Stifte aller Art, Pinsel, Werkzeuge, Leinwände, Kreidestücke, Staffeleien, Papier in verschiedensten Formaten, Farben und Stärken, Farbkleckse an der Wand und auf dem Tisch. Ein »kreatives Chaos«. Ein Raum, in dem Menschliches entsteht. In dem Ideen sich zu etwas Greifbarem entwickeln. Zu etwas, das kommuniziert, wenn Sprache nichts mehr bringt.

Kunst versteht man nämlich auch ganz ohne Worte. Sie lässt sich leichter teilen, vermitteln und verstehen als jede ausführliche Erläuterung und erzeugt aufgrund ihrer emotionalen Tiefe häufig profundere Effekte als der beste Text. Denn Kunst lässt Interpretationsspielraum. Sie ist offen. Schreibt nichts vor. Die in Noten, Formen, Farben oder Linien gegossene Nachricht des Erschaffers entschlüsselt sich erst im Kopf des Empfängers – und das auf einzigartige Weise, weil das Werk bei jedem Menschen individuelle Assoziationen weckt.


Musik ist seit Menschengedenken eine universelle Sprache, die jede Barriere überwindet und nonverbal auch das auszudrücken vermag, was man kaum mehr in Sätze fassen kann – und das »Meme« nicht umsonst eine der gefährlichsten, weil effektivsten »Waffen« des Widerstands im Internet.


Daher beende ich an dieser Stelle meine Ausführungen, lege eine Schallplatte auf und überlasse Sie den minimalistischen wie ausdrucksstarken Kreationen von Tina Ovalle, die vielleicht nicht nur Sie als Käufer dieses Buches inspirieren, sondern auch helfen, Brücken zu bauen, wo Worte es nicht mehr können. 







Titelbild: Tina Ovalle

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